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Selbsthilfe in Deutschland

In den vergangenen Jahren hat die Selbsthilfe entscheidend dazu beigetragen, dass betroffene Menschen und ihre Angehörigen Krankheiten und Krisen leichter bewältigt haben. Mittlerweile engagieren sich ca. 3 Millionen Bürgerinnen und Bürger in der Selbsthilfe. Bundesweit sind momentan schätzungsweise 80.000 Selbsthilfegruppen aktiv. Selbsthilfe hat sich neben professionellen ambulanten und stationären Leistungen zu einer anerkannten Säule des Gesundheitswesens etabliert.

Selbsthilfegruppen

Selbsthilfegruppen sind Zusammenschlüsse einer überschaubaren Anzahl von Personen (ca. 7-15 Mitglieder), die sich regelmäßig zu festen Terminen (z.B. wöchentlich, 14-tägig oder einmal im Monat) treffen. Sie entstehen aus einem selbstbestimmten und eigenverantwortlichen Engagement Betroffener bzw. Angehöriger. Die Motivation hierzu ist in dem Wunsch begründet, an der eigenen Situation etwas zu verändern.

Im Mittelpunkt der Gruppenarbeit steht der gemeinsame Erfahrungs- und Informationsaustausch. Bei den regelmäßigen Gruppentreffen erfahren die Einzelnen Entlastung und Unterstützung durch die anderen Mitglieder. Sie lernen, mit ihrem Problem umzugehen bzw. es zu bewältigen und helfen dabei nicht nur sich selbst, sondern im Austausch auch gegenseitig den anderen. Selbsthilfegruppen gibt es in den Formen strukturierter Gesprächskreise, als „Stammtisch“ oder auch als Gemeinschaft, die zur Problembewältigung neben dem Austausch eine gemeinsame Aktivität ausübt.

In gesundheits- bzw. krankheitsbezogenen Selbsthilfegruppen informieren sich die Mitglieder gegenseitig, z.B. über Behandlungsmöglichkeiten ihrer Erkrankung, Medikamente und Nebenwirkungen oder auch zu Fragen des Schwerbehindertenrechts oder der Pflege- und Krankenversicherung. In Gruppen zu anderen belastenden Lebenssituationen bereichern sich die Mitglieder gegenseitig ebenfalls durch wertvolle Tipps zu Unterstützungsangeboten, das Teilen von Strategien zur Problembewältigung und natürlich ein offenes Ohr.

Selbsthilfegruppen arbeiten selbstbestimmt, d.h. die Inhalte und Arbeitsweisen der Gruppe werden von den Mitgliedern festgelegt und orientieren sich an ihren Wünschen und Bedürfnissen. In der Regel sind Selbsthilfegruppen Zusammenschlüsse „auf Augenhöhe“, die nicht professionell angeleitet werden.  

Es gibt auch Initiativen, die ihr Wissen nicht nur innerhalb der Gruppe austauschen, sondern ihre Erfahrungen anderen Betroffenen zur Verfügung stellen. Sie bieten über Beratungstelefone, Sprechstunden und Medien Information, Beratung und Hilfe für Betroffene und ihre Angehörigen an.

Selbsthilfeorganisationen

Selbsthilfeorganisationen sind Gruppen und Vereine, die sich über die örtliche Ebene hinaus zu Verbänden auf Landes- oder Bundesebene zusammenschließen, um so ihre Interessen zum Beispiel als Lobby der Patienten für eine bessere Versorgung wirkungsvoller zu vertreten.

In der Realität sind die Übergänge zwischen diesen Formen der Selbsthilfe jedoch sehr fließend. So gibt es neben großen Verbände von chronisch kranken Menschen, die professionell arbeiten, weit verzweigte Gruppenstrukturen haben und kompetente sozialrechtliche Beratung machen können, eine Vielzahl kleiner Organisationen. Diese arbeiten  z.B. zu sehr seltenen Erkrankungen. Sie sind zwar bundesweit organisiert, haben aber de facto den Charakter einer Selbsthilfegruppe. Sie alle bieten Hilfe, Erfahrungsaustausch, Beratung und Unterstützung an. Da aber ein Großteil der Arbeit unbezahlt und freiwillig gemacht wird, sind das konkrete Angebot und auch die Leistungsfähigkeit sehr unterschiedlich.

Für die Bereitstellung dieser Texte bedanken wir uns bei der Selbsthilfe Kontakt- und Informationsstelle SEKIS in Berlin (http://www.sekis.de)

Selbsthilfe wirkt!

Durch die gemeinsame Arbeit in einer Selbsthilfegruppe können soziale, psychische und/oder krankheitsbedingte Belastungen leichter bewältigt werden. Viele Mitglieder von Selbsthilfegruppen haben die Erfahrung gemacht, dass sie Belastungen besser bewältigen. Häufig gehen sie selbständiger und selbstbewusster als andere Menschen in vergleichbaren Situationen mit ihren Problemen um. Mitglieder von Selbsthilfegruppen verständigen sich auf der Ebene gleicher Betroffenheit und ermöglichen so ein ehrliches wechselseitiges Verstehen. Professionellen Helfern ist dies in der Regel so nicht möglich. Daher sind Selbsthilfe-Initiativen eine wesentliche Ergänzung professioneller Hilfen. Sie haben ihre Stärke im psychosozialen Bereich

Mitglieder von Selbsthilfegruppen können

  • sich gegenseitig bei der Bewältigung ihrer Schwierigkeiten unterstützen
  • neue Kenntnisse über die persönliche Problemsituation erwerben
  • andere Umgangsformen mit dem Problem entwickeln
  • soziale Isolierungen und Ängste abbauen
  • gemeinsame Aktivitäten unternehmen
  • einen selbstsicheren Umgang mit Professionellen (z.B. mit Ärzten) erlernen
  • neue Lebensinhalte und Perspektiven entwickeln und
  • sich gegenseitig ermutigen, ihre Rechte einzufordern.

Grenzen von Selbsthilfe

Selbsthilfegruppen können eine medizinische oder psychotherapeutische Behandlung nicht ersetzen, sie könnten sie aber sinnvoll ergänzen oder unterstützen. Sie sind nicht für Menschen in akuten Krisen geeignet. Positive Effekte der Gruppenarbeit stellen sich nicht von heute auf morgen ein. Es dauert seine Zeit, bis durch die eigene aktive Mitarbeit in der Selbsthilfegruppe positive Veränderungen spürbar werden. Diese Zeit haben Menschen in einer akuten Krise nicht. Außerdem könnten vehemente Krisenzustände Einzelner die Gruppe überfordern.

Es ist wichtig, dass die Mitglieder kontinuierlich und aktiv am Gruppenprozess mitarbeiten. Selbsthilfegruppen sind Zusammenschlüsse, bei denen Betroffene Erfahrungen einholen und Material erbitten können. Sie sind aber meist völlig überfordert, wenn sie ausschließlich als Auskunfts- und Hilfeinstanz in Anspruch genommen werden. Die Gruppen können nur funktionieren, wenn es zu einem wechselseitigen Geben und Nehmen kommt. Sie brauchen das aktive Mittun der Ratsuchenden, denn sie arbeiten in der Regel freiwillig, unentgeltlich und mit einem hohen Einsatz privater Zeit.

Förderung von Selbsthilfe

Förderung von Selbsthilfe beruht in Deutschland auf den im §20 SGB V geregelten Förderstrukturen. Sie ist daher zu großen Teilen kommunal und durch Mittel der Gesetzlichen Krankenversicherung getragen. Neben der unmittelbaren finanziellen Unterstützung der Selbsthilfe durch kommunale Mittel und die Pauschal- und Projektförderung von GKV und Krankenkassen, wird Selbsthilfe strukturell durch Selbsthilfekontaktstellen gestärkt.

Kommunale Förderprogramme

Manche Kommunen bieten Selbsthilfegruppen die Möglichkeit, Zuschüsse für die Gruppenarbeit zu erhalten. Dies ist besonders für Selbsthilfegruppen interessant, die keine Förderung durch GKV und Krankenkassen erhalten können, weil ihr Thema nicht im gesundheitlichen Bereich verortet werden kann. In der Regel gibt es festgelegte Kriterien über die Verwendung und Höhe dieser Mittel sowie Antragsfristen. Ihre Selbsthilfekontaktstelle hält Informationen über kommunale Fördermöglichkeiten bereit und kann Sie dazu beraten.

Pauschalförderung gesundheitsbezogener Gruppen durch den Gesamtverband der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV)

Im Rahmen der so genannten Pauschalförderung der Gesetzlichen Krankenversicherung haben Selbsthilfegruppen, die zu gesundheitsbezogenen Themen arbeiten, die Möglichkeit die Finanzierung regelmäßig wiederkehrender Kosten für ihre Gruppenarbeit, z.B. Raummieten oder Telefongebühren, in Form einer Pauschalförderung zu beantragen. Auch hier gibt es festgelegte Förderkriterien und Antragsfristen, die zu beachten sind. Im Vorfeld einer Antragsstellung empfiehlt es sich, Kontakt zur/zum Berater*in der GKV aufzunehmen, um sich über alle Möglichkeiten des eigenen Antrags zu informieren. Nähere Informationen zu den GKV Fördermodalitäten in Hessen erhalten Sie unter http://www.gkv-selbsthilfefoerderung-he.de/de-DE/default.aspx und in Ihrer Selbsthilfekontaktstelle.

Projektförderung für gesundheitsbezogene Gruppen durch einzelne Krankenversicherungen

Besondere Aktivitäten und Anschaffungen können von gesundheitsbezogenen Gruppen als Projekt bei verschiedenen (gesetzlichen) Krankenversicherungen beantragt werden. Auch hier gibt es festgelegte Förderkriterien und Antragsfristen, die zu beachten sind. Im Vorfeld einer Antragsstellung empfiehlt es sich, Kontakt zur/zum für Selbsthilfeförderung zuständigen Berater*in der gewählten Krankenkasse aufzunehmen, um sich über alle Möglichkeiten des eigenen Antrags zu informieren. Nähere Informationen zu den Ansprechpersonen der hessischen Krankenkassen erhalten Sie unter http://www.gkv-selbsthilfefoerderung-he.de/de-DE/Ansprechpartner/tabid/116/language/de-DE/Default.aspx  und in Ihrer Selbsthilfekontaktstelle.

Selbsthilfekontaktstellen

Selbsthilfekontaktstellen arbeiten themenübergreifend und sind Mittler zwischen hilfesuchenden Menschen, Selbsthilfegruppen und Fachkräften im Sozial- und Gesundheitswesen sowie der Politik und Verwaltung.

In Trägerschaft der Paritätischen Projekte gemeinnützigen GmbH sind die Paritätischen Selbsthilfekontaktstellen mit Sitz in Darmstadt, Fulda, Offenbach, Erbach (Odenwald) und in Groß-Gerau fester Bestandteil der psychosozialen Grundversorgung der Region. Die Finanzierung der Paritätischen Selbsthilfekontaktstellen erfolgt aus kommunalen Mitteln, Krankenkassenförderung und Zuschüssen des Trägers.

Für Informationen zu den vielfältigen und individuellen Informations- und Unterstützungsmöglichkeiten wenden Sie sich direkt an das Selbsthilfebüro in Ihrer Region:

  • Darmstadt (Stadt Darmstadt und Landkreis Darmstadt-Dieburg)
  • Erbach (Odenwaldkreis)
  • Offenbach (Stadt und Kreis Offenbach)
  • Osthessen (Stadt Fulda, Vogelsbergkreis und Kreis Hersfeld-Rotenburg)
  • Groß-Gerau (Stadt Groß-Gerau und Landkreis Groß-Gerau)

Grundsätze des GKV-Spitzenverbandes zur Förderung der Selbsthilfe gemäß § 20c SGB V vom 10. März 2000 in der Fassung vom 17. Juni 2013