TIPP
Was ist Soziale Selbsthilfe?
von Christine Kircher, Selbsthilfebüro Osthessen
Was ist Soziale Selbsthilfe? Wo fängt sie an, wo hört sie auf? Ist es Soziale
Selbsthilfe wenn leistungsstärkere Schülerinnen und Schüler ihren Klassen-kameraden bei den Hausaufgaben helfen? Oder wenn stärkere Jugendliche ihren schwächeren Altersgenossen in den Schulpausen oder auf dem Nach-hauseweg beistehen und dabei riskieren, selbst angegriffen zu werden? Ist es Soziale Selbsthilfe, wenn „Leihgroßeltern“ in der Nachbarschaft einer gestressten Mutter bei der Kinderbetreuung beistehen?
Bei einigen Selbsthilfegruppen scheiden sich die Geister bei der Frage, ob sie nun der Sozialen oder der Gesundheitsbezogen Selbsthilfe zuzurechnen sind. Sicher ist, dass auch Selbsthilfegruppen, die üblicherweise zur Sozialen Selbst-hilfe gezählt werden, wie Treffs für Alleinerziehende, Arbeitslosen-
initiativen, Hartz 4-Gruppen, etc. durch das Aufgreifen und Bearbeiten psychosozialer Aspekte, prophylaktische und damit die Gesundheit erhaltende Arbeit leisten.
Besonders deutlich wird dieser Ansatz bei Selbsthilfegruppen wie Trauer-
Gesprächsgruppen, Angehörige nach Suizid oder Kleine Engel, die üblicherweise zur Sozialen Selbsthilfe gezählt werden. Diese Gruppen haben jedoch eindeutig wichtige, gesundheitsbezogene Anteile in ihren jeweiligen Ausrichtungen. Denn, wenn Trauer keinen Raum bekommt, können somatische und oder psychische Krankheiten, bis hin zu Herzinfarkten, Hirnschlägen und Depressionen die Folge sein. Aus gesundheitspolitischer Sicht führt die scharfe Grenzziehung zwischen der Gesundheitsbezogenen und der Sozialen Selbsthilfe sicherlich eher nicht zum Ziel. Doch worin genau liegen nun die Unterschiede dieser beiden Selbsthilfeformen?
In Gesundheitsbezogenen Selbsthilfegruppen drehen sich die Themen häufig darum, die oftmals dauerhaften Einschränkungen oder Behinderungen allmählich anzunehmen und mit ihnen leben zu lernen. Schwerpunkt der meisten Sozialen Selbsthilfegruppen bildet eine zeitlich begrenzte, besondere Lebenskrise oder Lebenssituation, in der sich betroffene Menschen miteinander austauschen und gegenseitig unterstützen. Jedoch gehen Zeiten der Arbeitslosigkeit – bestensfalls – irgendwann vorüber, die Trennung oder Scheidung wird irgendwann zum Normalzustand oder man verliebt sich neu, die Kinder werden groß und gehen ihre eigenen Wege.
Deutlich wird ein Ungleichgewicht bei der Anzahl der Gruppen der Sozialen und der Gesundheitsbezogenen Selbsthilfe. So finden sich zum Beispiel im Wegweiser der Selbsthilfegruppen Osthessen nur 9, von insgesamt 156 Soziale Selbsthilfegruppen. Allerdings bieten Selbsthilfegruppen wie „PFAD, Eltern von ADHS-Kindern“, oder „Wege zum Wunschkind“ den betroffenen Menschen ganz besondere Hilfen. Sie unterhalten kontinuierliche Gesprächsforen für Betroffene, Angehörige, Freunde, auch über die akute Lebenskrise hinaus. Freundschaften entstehen, es gibt gemeinsame Unternehmungen, Netzwerke werden gebildet. Und bei Bedarf werden professionelle Hilfen organisiert.
Typisch für die Soziale Selbsthilfe ist, dass die Gruppe, obwohl der ursprüng-
liche Anlass irgendwann nicht mehr existent ist, dennoch weiterbestehen bleibt,
weil tiefe Freundschaften entstanden sind.

