TIPP
Soziale Selbsthilfe bei Menschen ohne festen Wohnsitz
von Thomas Schüler
Nach Schätzungen der Nationalen Kontakt- und Informationsstelle für Selbst-hilfegruppen (NAKOS) Berlin gibt es derzeit in Deutschland ca. 100.000 Selbst-hilfegruppen, von denen gut ein Drittel der Sozialen Selbsthilfe zuzuordnen sind. Hierunter zählen Gruppen, die thematisch im Bereich Lebenskrisen, besondere soziale Situationen, und bei speziellen Fragen zur Lebensführung angesiedelt sind.
Es finden sich Alleinerziehende, Arbeitslose, ungewollt Kinderlose, Adoptiv-familien und andere zusammen, um gemeinsam mit Gleichgesinnten
Strategien zur Lebensgestaltung auszutauschen. (Thiel, W.: Die soziale Selbsthilfe und das Sozialeder Selbsthilfe in Deutschland; Deutsche
Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen, DAG SHG e.V., Selbsthilfegruppen-jahrbuch 2010, Gießen)
Betrachtet man Selbsthilfe als eine Form bürgerschaftlichen Engagements
und schenkt man sozialwissenschaftlichen Veröffentlichungen Glauben, ist davon auszugehen, dass freiwilliges Engagement ein schichtspezifisch geprägtes Phänomen darstellt. Indikatoren hierfür sind Bildungsniveau, Ein-kommen, Grad der gesellschaftlichen Integration usw. derjenigen Menschen, die sich engagieren. Sind diese Indikatoren in ausreichender Zahl vorhanden, entsteht bzw. wächst die Bereitschaft, sich sozial zu engagieren. (vgl. Gensicke)
Wie aber verhält es sich mit Menschen, bei denen diese Indikatoren nur in geringem Umfang vorhanden sind oder gänzlich fehlen? Welche Wege der Selbstorganisation und Selbsthilfe werden hier beschritten? Am Beispiel der Menschen, die ohne jegliche Unterkunft bzw. im Umfeld der Wohnungslosen-hilfeeinrichtungen leben, sollen diese Fragen näher betrachtet werden.
Die Folgen von Wohnungslosigkeit betreffen sowohl Gesundheit und Leben, als auch die soziale Situation der Betroffenen. Häufig geht Wohnungslosigkeit mit einer deutlich sichtbaren Verwahrlosung und Verelendung der Menschen einher. Es fehlen medizinische Betreuung, ärztliche Untersuchungen, Medikamente und gesund erhaltende Hygiene. Besonders in der kalten Jahreszeit drohen Gefahren durch Regen, Schnee und Kälte. Jedes Jahr sterben in Deutschland wohnungslose Menschen wegen mangelnder körperlicher Erholung; Tod durch Erfrieren, unzureichende Ernährung, Verzehr verdorbener Nahrungsmittel, chronischem Mangel an Vitaminen und Mineralstoffen und durch Auszehrung wegen Fehl- und Unterernährung.
Wohnungslose Frauen sind zusätzlich durch gewalttätige und sexuelle Über-
griffe gefährdet. Das Leben auf der Straße kann zu charakterlichen Verände-
rungen führen. Häufig sind Drogenabhängigkeit und fast immer Diskrimi-nierungdurch die übrige Bevölkerung zu verzeichnen. Die teilweise desaströsen Umstände stürzen die Betroffenen in tiefe Verzweiflung und führen schließlich zu Isolation und Vereinsamung.
Seit der Einführung des Zweiten Sozialgesetzbuches (SGB II), das Arbeits-losenhilfe und Sozialhilfe zusammengelegt hat, erhalten erwerbsfähige Obdachlose zur Sicherung des Lebensunterhaltes Arbeitslosengeld II.
Städte und Gemeinden haben zudem die Pflicht, unfreiwillig obdachlose
Personen unterzubringen. Vor allem in den großen Städten gibt es ein Netz
verschiedener Hilfen, unter anderem Tagesaufenthaltsstätten und Notund
Übergangsunterkünfte. Sie sichern die materielle Grundversorgung und helfen Betroffene bei der Suche nach Wohnung und Arbeit. Häufig ist auch eine Beratung bezüglich Alkohol- oder Drogenabhängigkeit, Haushaltsführung,
Umgang mit Geld und Schuldenregulierung erforderlich. Auch intensivere sozialpädagogische ambulante Begleitung sowie stationäre sozialpäda-gogische Hilfen sind mitunter notwendig.
Sprechen wir über Selbsthilfe in diesem Kontext, so sollte eine Begriffs-erweiterung erfolgen. Selbstorganisation funktioniert bei Wohnungslosen
sowohl in kleinen Gruppen, als auch in institutionalisierter Form durch Projekte, Organisationen und Dachverbände. Präventiv wirken alle Selbsthilfe-maßnahmen im Bereich der Suchtprävention, der Jugendarbeit oder der Resozialisierung von Straftätern. Hier kann Selbsthilfe zur Verhinderung
oder zur Entstehung von Obdachlosigkeit beitragen.
Viele Städte und Gemeinden halten Fachberatungsstellen vor, die gebündelte
Kompetenzen zur Verhinderung von Obdachlosigkeit und Maßnahmen zu deren Abbau durch „Hilfe zur Selbsthilfe“ anbieten. Fachberatungsstellen organisieren in vielen Städten die Redaktionsarbeit von Obdachlosenzeitungen, durch deren Verkauf sich Wohnungslose etwas Geld hinzu verdienen können.
Inzwischen haben Schlagwörter wie „Partizipation“ und „Hilfe zur Selbsthilfe“
ihren Niederschlag in den Standards und den Konzepten der Einrichtungen
der stationären und ambulanten Wohnungslosenhilfe gefunden. In zahlreichen Städten helfen Betroffene bei den inzwischen fast flächendeckend einge-richteten Tafeln, aktiv bei der Sammlung und Verteilung der kostenlos zur Verfügung gestellten Lebensmittel mit.
Auch bei der Arbeit für und in den Kleiderkammern, die getragene, jedoch gut erhaltene Kleidungsstücke an einkommensschwache Menschen kostenlos oder zu einem kleinen Betrag weitergeben, sind wohnungslose Menschen beteiligt. In Beschäftigungsprojekten, in Projekten der Wohlfahrtsverbände, wie Ge-brauchtmöbellagern und Fahrradwerkstätten, lernen Wohnungslose, die in aller Regel schon seit vielen Jahren arbeitslos sind, wieder einen regelmäßigen
Tagesstruktur und verbindliche Abläufe und Zusagen einzuhalten. Solche und ähnliche, teilweise selbstverwalteten, Projekte sind ein Mittel sinnvoller und nachhaltiger Hilfe zur Selbsthilfe, wodurch wohnungslose Menschen dabei unterstützt werden, ihr Selbstentfaltungspotential zu verwirklichen. Und sie tragen zur Sicherung eines menschenwürdigen Daseins bei, in dem sie den Erwerb des Lebensunterhalts durch eigener Hände Arbeit ermöglichen.

