TIPP
Selbsthilfe und Freiwilliges Bürgerschaftliches Engagement - besondere Netzwerke der Hilfe und Unterstützung
von Margit Balß
Der traditionelle Begriff „Ehrenamt“ wurde in den vergangenen Jahren
in eine Vielzahl unterschiedlicher Begriffe neu gefasst. Die Bezeichnungen
reichen von „Gesundheitliche Selbsthilfe“ über „Soziale Selbsthilfe“,
„Bürgerschaftliches Engagement“ bis hin zu „Freiwilligenarbeit“ oder
„Bürgerarbeit“.
Oft ist auch die Rede vom „alten“ und „neuen“ Ehrenamt. Wobei „altes
Ehrenamt“ für das traditionelle Engagement in Verbänden und Vereinen,
und „neues Ehrenamt“ für alle anderen Formen der Selbsthilfe oder
dem freiwilligen Arbeiten im privaten Sektor oder der Bürgerarbeit steht.
Gesundheitliche und Soziale Selbsthilfe stellen demnach einen Teil des
Freiwilligen Bürgerschaftlichen Engagements dar. Selbsthilfeaktivitäten
bewegen sich in einem Handlungsdreieck: das Engagement in eigener
Sache und das Engagement für Andere, gemeinsam mit Anderen.
Gesellschaftliche Bedeutung von Freiwilligem Bürgerschaftlichen Engagement und Gesundheitlicher und Sozialer Selbsthilfe
Freiwilliges Engagement und Selbsthilfe sind Gestaltungselemente gesellschaftlicher Solidarität und partizipativer Demokratie. Sie zeugen
von der Bereitschaft der Menschen, ihr Lebensumfeld selbständig zu gestalten. Sie wirken ausgleichend und regulativ gegen Tendenzen zu Überregulierungen
des Wohlfahrtsstaats. Humanitäre Haltungen und Gemeinwohlorientierung
finden hier ihren Ausdruck.
Freiwilliges Engagement und Selbsthilfe können und sollen jedoch Erwerbs-arbeit nicht ersetzen. Alle Anstrengungen zur Aufwertung des freiwilligen
Engagements und der Selbsthilfe dürfen die Politik nicht von dem Bestreben entbinden, Arbeit, Einkommen und soziale Transferleistungen gerecht zu verteilen. Über den Grad der Verfügbarkeit und Zumutbarkeit ihres Engagements entscheiden die Freiwilligen selbst.
„Man kann einen Menschen nichts lehren, man kann ihm nur helfen, es in sich selbst zu entdecken.“
Galileo Galilei
Spezifisches und Verbindendes
Selbsthilfe ist die selbstorganisierte gegenseitige Hilfe für sich selbst und für andere bei chronischen Erkrankungen, Behinderungen oder in schwierigen Lebenssituationen. Die eigenen Probleme selbst in die Hand zu nehmen und im Rahmen der eigenen Möglichkeiten aktiv nach Lösungen zu suchen, sind Grund-prinzipien von Selbsthilfe und charakterisieren auch das Freiwillige Bürger-schaftliche Engagement. Beide Engagementformen sind gelebte Bürgerbe-teiligung. Sie stärken die Solidarität und den sozialen Zusammenhalt in den Städten und Landkreisen. Bei allem Spezifischen gibt es auch viel Verbindendes. Beiden Tätigkeitsfeldern liegt das „freiwillige“ Engagement zugrunde. Beide erfüllen Brückenfunktionen zwischen freiwilligem, sozialem Engagement und Professionalität. Ihnen liegt der Einsatz von Zeit und von privaten Ressourcen für die Interessen der Allgemeinheit zugrunde. Und sie benötigen eine Ver-ortung im sozialen System und brauchen Vernetzung. Beide beharren zu Recht auf Mitwirkungsmöglichkeiten bei der Gestaltung politischer Prozesse und fordern öffentliche Anerkennung ein. Und nicht zuletzt benötigen alle Ausprägungen und Formen der Selbsthilfe und des Freiwilligen Bürgerschaft-lichen Engagements für die Bestreitung ihrer Aufwendungen im Sachkosten-bereich verlässliche finanzielle Rahmenbedingungen.
Engagementfördernde Einrichtungen
Engagementfördernde Einrichtungen sind wichtige und stabilisierende Elemente der Unterstützung der Selbsthilfe und des Freiwilligen Bürgerschaftlichen Engagements. Es ist nachgewiesen, dass sich neue Gruppen im Umfeld von Selbsthilfekontaktstellen häufiger bilden und sie bleiben länger bestehen. Neben den Selbsthilfekontaktstellen gibt es noch zahlreiche weitere, Engagement fördernde Einrichtungen wie Freiwilligenagenturen, Seniorenbüros, Lokale Bündnisse für Familien, Mehrgenerationenhäuser und Bürgerstiftungen.
Ausblick
Gegenüber der Gesundheitsselbsthilfe ist die Soziale Selbsthilfe deutlich
weniger entwickelt. Nach Einschätzung von Experten wird in den nächsten
Jahren eine weitere Konzentration zugunsten gesundheitsbezogener Selbst-
hilfegruppen deutlich werden. Die soziale Selbsthilfe ist eher randständig. Sie benötigt kommunale Förderstrukturen und es bedarf neuer inhaltlicher Konzepte. Alle Engagementformen und ihre Unterstützungseinrichtungen
sollten sich und ihre Angebote von Zeit zu Zeit auf den Prüfstand stellen. Passen die gegenwärtigen Strukturen noch zu den aktuellen Anforderungen? Bedarf es einer konzeptionellen und organisatorischen Neuausrichtung der Angebote? Zum Beispiel einer Bündelung von Patienteninteressen? Wie können Synergieeffekte bei der Unterstützung unterschiedlicher Engagementbereiche erzielt werden, und kann dennoch die Unabhängigkeit der Selbsthilfe gewahrt bleiben, um ihre eigenen Interessen zu entfalten? Hier werden kreative und zukunftsweisende Lösungen gefragt sein.

