TIPP
Fachtagung: "Selbsthilfe als Qualitätsstandard im Gesundheitswesen"
von Margit Balß
Die Fachtagung des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Landesverband Hessen und der AOK – der Gesundheitskasse in Hessen fand am 2.11.2011
in Frankfurt am Main statt.
Die Selbsthilfe hat sich zu einem wichtigen Baustein der ambulanten, statio-
nären und rehabilitativen Leistungen im Gesundheitswesen entwickelt. Sie ist familien- und alltagsorientierte Hilfe im Gemeinwesen und Bindeglied zwischen professionellen Anbietern und Betroffenen. Selbsthilfefreundlichkeit von Ge-
sundheitseinrichtungen gilt als Qualitätsmerkmal. Projekte wie „Selbsthilfe-
freundliches Krankenhaus“ oder „Selbsthilfefreundliche Arztpraxis“ setzen neue
Impulse und vermitteln methodische Verfahren einer strukturierten Koopera-tion. Die Zusammenarbeit von Gesundheitsämtern, niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten, Kliniken und anderen Gesundheitseinrichtungen mit der Selbsthilfe sollen die Patientenorientierung stärken und verstetigen.
Die Tagung im Saalbau Gallus beleuchtete den Aspekt der Selbsthilfe als
Interessenvertretung von Patientenwünschen. Referentinnen und Referenten
informierten über Beteiligungsmöglichkeiten bei der gesundheitlichen Ver-
sorgung auf der Bundes-, Landes- und regionalen Ebene und stellten ge-
lungene Praxisbeispiele vor.
Petra Fleischer, Klinikum Frankfurt Höchst, und Reiner Stock, Selbsthilfe-
Kontaktstelle Frankfurt, stellten in Ihrem Impulsreferat „Höchst informativ!
Medizin trifft Selbsthilfe“ die Kooperation der Selbsthilfe mit dem Kranken-
haus, am Beispiel des Klinikums Höchst vor. Sie nahmen eine Standort-
bestimmung vor. Mit der Leitfrage ihres Vortrages „Wo stehen wir?“ betonten
sie die Vermittlerrolle der Selbsthilfe in der Gesundheitsversorgung. Für die Hilfesuchenden sei von zentraler Bedeutung, konkrete Ansprechpartner bei
den Gruppen oder bei Gleichgesinnten zu haben, die ihnen mit Rat und Tat
zur Seite stehen. Jedoch schätzten auch die Ärztinnen und Ärzte des Klinikums die Arbeit der Selbsthilfe. Für die Betroffenen sind sie wertvolle Stütze und aktiver Helfer für die Zeit nach dem Krankenhausaufenthalt.
Das Referat von Jochen Metzner, Referatsleiter Krankenhausversorgung des Hessisches Sozialministeriums, hatte die Beteiligung der Selbsthilfe als Ver-
tretung von Patienteninteressen bei der Weiterentwicklung der regionalen, gesundheitlichen Versorgungsstrukturen, hier den sechs Hessischen Regionalen Gesundheitskonferenzen, zum Inhalt, wie es im neuen Hessischen
Krankenhausgesetz vorgesehen ist. Herr Metzner sprach von den Heraus-
forderungen für das Land, Sicherstellung der ärztlichen Versorgung im ländlichen Raum, Notfallversorgung in den Krankenhäusern, Kranken-
hausplanung, Einbau von Qualitätskriterien und anderem mehr. Besonders ging er in seinem Referat auf die erstmalige Einbeziehung der Betroffenen ein und erläuterte die Umsetzung der Beteiligungsstrukturen.
Karin Stötzner, Patientenbeauftragte der Stadt Berlin und Mitglied im Ge-
meinsamen Bundesausschuss, stellt in ihrem Beitrag die Selbsthilfe als Ver-
tretung von Patienteninteressen auf Bundesebene vor. Sie informierte darüber, dass die Kommunikation und Zusammenarbeit nach anfänglicher Skepsis nun allgemeine Akzeptanz erreicht hat und zumindest die förmliche Unterstützung funktioniert. Auch ging Frau Stötzner auf Stolpersteine im Alltag, wie dem Studium umfangreicher Sitzungsunterlagen, Schwierigkeiten bei der Termin-
abstimmung, Barrierefreiheit und Ausgrenzungen aus informellen Kreisen, ein. In ihrem Fazit resümierte Frau Stötzner, dass der gesetzliche Rahmen ins-
gesamt große Veränderung und eine neue Diskussionskultur gebracht hat. Die
Patientenvertretung hat eine Struktur bekommen, die zum Teil mit enormen
zeitlichen und inhaltlichen Belastungen für die Vertretrinnen und Vertreter verbunden sind. Immer noch herrscht ein Zuviel an Reaktion, statt eigener Politik, sodass ein strukturelles Ungleichgewicht bleibt.
Bei den Workshops am Nachmittag fanden themenzentrierte Vertiefungen
zu den Themen „Interkulturelle Öffnung der Selbsthilfe“, mit der Referentin
Serpil Klukon von der KISS Hamburg Wandsbeck, „Kooperation Selbsthilfe
und Krankenhaus“, mit den Referent/innen Anni Koch, Dr. Roland Bauer, von
der SEKOS Gelnhausen und Frau Alexandra Jilg von den Main-Kinzig-Kliniken Gelnhausen und „Selbsthilfefreundliche Arztpraxen“, mit dem Referenten Michael Stahn, Fachreferent Patientenorientierung von der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern statt.
Das Ziel der Tagung war es, bei den rund 95 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, das Bewusstsein für neue Kooperationen zwischen Selbsthilfe und Gesund-
heitseinrichtungen zu stärken und damit einen Beitrag zur Verbesserung der Patientenorientierung im Gesundheitswesen zu leisten.

