TIPP
Empowerment - Vertrauen in die Fähigkeiten, Kräfte und Stärken der Menschen
von Margit Balß
Empowerment bezeichnet ressourcenorientierte Konzepte der Sozialen Arbeit, die die Fähigkeiten und Stärken der Klientinnen und Klienten bei der Bewältigung von belastenden Lebenssituationen in den Mittelpunkt stellt.
Menschen, in Situationen des Mangels, der Benachteiligung oder der
gesellschaftlichen Ausgrenzung, werden dazu befähigt, ihr Leben selbst
in die Hand zu nehmen. Sie werden sich ihrer Fähigkeiten bewusst und
lernen, die eigenen Kräfte zu einer selbstbestimmten Lebensführung zu
nutzen. Ziel einer Praxis des Empowerments ist es, diese Ressourcen der
KlientInnen zu fördern, eine selbstbestimmte Alltagsgestaltung zu unterstützen
und Selbstwerterfahrungen (wieder-) herzustellen.
Empowerment - auf eine kurze Formel gebracht - zielt auf die (Wieder-) Herstellung von Selbstbestimmung über die Gestaltung des eigenen Alltags und Umfelds.
Häufig wird im Zusammenhang mit Empowermentstrategien das Prinzip
der „Hilfe zur Selbsthilfe“ in den Vordergrund gerückt. In der Medizin kann
Hilfe zur Selbsthilfe bedeuten, dass der behandelnde Arzt dem Patienten
Tipps zur Prophylaxe oder zur Weiterbehandlung gibt. Darüber hinaus kann
sich der Patient aus Broschüren, Medizinbüchern und Selbsthilfegruppen
Informationen über seine Krankheit beschaffen. Und nicht zuletzt haben Patienten die Möglichkeit, sich einer Selbsthilfegruppe anzuschließen, in sich vielfältige Kenntnisse bis hin zu ausgewiesenem Expertenwissen bündeln.
Auch in der Diskussion um das Bürgerschaftliche Engagement wird Wert
auf die Förderung der Selbstkompetenz der Bürger und Bürgerinnen gelegt.
Das Ehrenamt soll sich nicht mehr über die „Ehre“ definieren, sondern dem engagierten Mitbürger eine Plattform bieten, seine Belange selbst zu regeln. Bürgerschaftliches Engagement soll dem Einzelnen die Möglichkeit geben, wieder gestaltend in der Gemeinschaft mitzuwirken und über diese Tätigkeit seine eigenen Kompetenzen zu erweitern. Der Beitrag der Bürger zur Lösung von gesellschaftlichen Problemen soll in den Mittelpunkt gestellt und gewürdigt werden.
Im § 1 Abs. 1 Sozialgesetzbuch Erstes Buch wird beschrieben: „Das Recht
des Sozialgesetzbuchs soll zur Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit und
sozialer Sicherheit Sozialleistungen, einschließlich sozialer und erzieherischer
Hilfen gestalten. Es soll dazu beitragen, ein menschenwürdiges Dasein zu sichern, gleiche Voraussetzungen für die freie Entfaltung der Persönlichkeit, insbesondere auch für junge Menschen, zu schaffen, die Familie zu schützen und zu fördern, den Erwerb des Lebensunterhalts durch eine frei gewählte Tätigkeit zu ermöglichen und besondere Belastungen des Lebens, auch durch Hilfe zur Selbsthilfe, abzuwenden oder auszugleichen.“
So, wie in der Medizin, die salutogenetisch Orientierung auf Gesundheitsziele
und nicht auf Krankheitsbekämpfung hin ausgerichtet ist und dazu möglichst viele Ressourcen erschließen will, so richtet sich der Blick beim Empowerment auf die individuellen Fähigkeiten und Fertigkeiten zur eigenen Problembe-wältigung.
Kritiker halten entgegen, es sei immer im Einzelfall zu betrachten, inwieweit
der Empowerment-Ansatz auf alle Menschen oder Patienten anwendbar ist. Sicherlich stellt sich besonders die Frage, ob psychisch kranke Menschen in akuten Krisensituationen in der Lage sind, eigene Entscheidungen zu treffen und ob hier, wie auch in anderen Zusammenhängen, nicht die Gefahr der Überforderung besteht.
Man hilft den Menschen nicht, wenn man für sie tut, was sie selbst tun können.
Abraham Lincoln
Dennoch bieten Empowermentstrategien vielfältige, befreiende Chancen zur eigenwilligen und selbstbestimmten Konstruktion der persönlichen Biographie. In Zeiten der Vereinsamung und der Verlust sozialer Zugehörigkeit und gesellschaftlicher Anerkennung treten die Risiken der Individualisierung stärker in den Vordergrund. Biographische Prozesse, in denen Menschen ein Stück mehr Macht für sich gewinnen und das Vertrauen in die eigenen Stärken und Kompetenzen gestärkt wird, macht es Menschen möglich, ihr Leben auch in kritischen Situationen und unter besonderen Belastungen erfolgreich zu meistern.

