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Selbsthilfe hat viele Gesichter - zum Beispiel Autismus

Von Christine Preißmann
Die Selbsthilfe als ein wesentliches Instrument zur besse­ren Krankheits- und Lebensbewältigung ist inzwischen aus dem Gesundheitssystem nicht mehr wegzudenken. In man­chen Fällen aber ist es nicht immer einfach, die betroffenen Menschen einzubeziehen. Dies betrifft etwa Menschen mit ein­geschränkter Mobilität oder verminderter sozialer Kontaktfä­higkeit, zudem sind beispielsweise kulturelle und auch alters­bedingte Besonderheiten zu berücksichtigen. Auch bei autistischer Störungen kann es gelingen, erfolgreich Selbsthil­fearbeit zu betreiben, sofern Offenheit für spezielle Konzepte und neue Wege besteht.
Bei Autismus-Spektrum-Störungen, wie sie heute genannt werden, sind die drei Bereiche Kommunikation, Sozial- und Kontaktverhalten sowie das Gebiet spezieller Handlungen und Interessen in unterschiedlichem Ausmaß betroffen. Es gibt fließende Übergänge zur so genannten Normalität. Auf der ei­nen Seite des Spektrums sind Asperger-Syndrom und High­funktioning Autismus angesiedelt, am anderen Ende der früh­kindliche Autismus mit oft schwerer Mehrfachbehinderung.
Menschen mit Autismus fällt es schwer, sich auf andere Men­schen einzustellen, ein Gespräch mit ihnen zu beginnen und in Gang zu halten, obwohl sie sich oft durchaus für ihr Ge­genüber interessieren. Problematisch ist auch der nonverbale Kontakt; es gelingt den Betroffenen nur schlecht, Mimik, Ges­tik oder Blickkontakt anzuwenden und bei anderen richtig zu interpretieren. Daher entgehen ihnen im Gespräch viele Infor­mationen, die andere Menschen ganz selbstverständlich ne­benher aufnehmen können. Sie sind außerdem oft motorisch ungeschickt und benötigen Hilfe und Anleitung bei scheinbar leichtesten Aufgaben, während sie schwierige Anforderungen manchmal nahezu mühelos erledigen. Daher wirken sie in der Kindheit ebenso wie im Jugend-und auch im Erwachsenenal­ter auf ihre Umgebung oft merkwürdig, nicht selten auch pro­vokativ und geben den anderen doch einige Rätsel auf.
Neben therapeutischen Bemühungen zur Verbesserung  der lebenspraktischen Kompetenzen, der Selbststän­digkeit und der Lebensqualität der Betroffenen hat sich  bei autistischen Störungen in den letzten Jahren auch die Selbsthilfearbeit etabliert. Vor zehn Jahren wurde  in Mülheim/Ruhr die erste Selbsthilfegruppe für er­wachsene Menschen mit Asperger-Syndrom gegrün­
det. Eigentlich ist es ja paradox. Selbsthilfe heißt ja,  sich auszutauschen und gegenseitig zu unterstützen,  autistische Menschen aber ziehen sich in der Regel  eher zurück und benötigen oft Unterstützung in Kom­munikations-und Interaktionsprozessen. Dennoch  war das Interesse so groß, dass inzwischen zahlrei­che weitere Selbsthilfegruppen für autistische Men­schen im gesamten Bundesgebiet gegründet wur­den. Das Angebot ist mittlerweile nahezu flächendeckend, was für viele Betroffene mit nur eingeschränkter Mobilität eine große Hilfe ist. Und die Nachfrage nach Gruppenplätzen ist un­gebrochen, so dass immer weitere Angebote hinzukommen.
Auch ich selbst war über viele Jahre hinweg in einer dieser Gruppen, obwohl das für mich jedes Mal eine etwa vierstün­dige Anfahrt bedeutete. Aber der Aufwand hat sich ohne Zweifel gelohnt. Gemeinsam mit bis zu neun weiteren Teil­nehmern durfte ich erstmals in meinem Leben die Erfahrung machen, dass eine Gruppenaktivität auch Spaß machen und bereichernd sein kann. Wir fühlten uns angenommen und ver­standen und genossen sehr die Möglichkeit, einerseits Infor­mationen auszutauschen, aber auch Kontakte knüpfen und persönliche Dinge besprechen zu können. Gera­de autistische Menschen, die ja meist nicht auf Unterstützung in einer Part­nerschaft zurückgreifen können, sind oft sehr allein mit ihren Schwierigkei­ten, daher fühlten wir uns ein ums an­dere Mal in der Gruppe so ein biss­chen wie „zu Hause angekommen“.
Schon bald merkten wir, welch positi­ve Veränderungen sich bei uns durch die Teilnahme an der Selbsthilfegrup­pe zeigten. So gelang es uns viel bes­ser als vorher, mit den alltäglichen Schwierigkeiten umzugehen und Lö­sungen zu entwickeln. Wir waren selbstbewusster geworden und nicht mehr so ängstlich.
Nun gibt es aber auch solche autistische Menschen, denen es anfangs gar nicht gelingt, sich mit anderen über ein festgeleg­tes Thema zu unterhalten, die aber dennoch Interesse an einer Selbsthilfegruppe zeigen, um ihre Situation zu verbessern. In diesen Fällen müssen immer wieder neue Wege überlegt wer­den, um eine Teilnahme zu ermöglichen. So kann in manchen Fällen beispielsweise ein Zugang über die speziellen Interes­sengebiete der Betroffenen versucht werden, die oftmals im technischen Bereich liegen. Viele autistische Menschen sind aber auch künstlerisch tätig und erfahren hierdurch Freude und Bestätigung. So veranstaltete unser Bundesverband Au­tismus Deutschland e.V. eine große Kunstausstellung mit den Werken von 180 autistischen Menschen in der documentahal­le in Kassel, die großen Anklang fand. Dargeboten wurde eine breite Palette künstlerischer Arbeiten, von Malerei über Colla­gen, gegenständliche Kunst und Literatur bis hin zur Fotogra­fie. Deutlich wurde dabei, wie sehr es viele der Aussteller ge­nossen, für ihre Kunstwerke Anerkennung und Bewunderung zu erhalten, was sie sonst in ihrem Alltag in der Regel nur sel­ten erleben dürfen.

In einem Buch hat Christine Preißmann ihre Vorstellun­gen, Gedanken, Wünsche festgehalten. Es enthält Be­schreibungen ihrer Schwie­rigkeiten, Fähigkeiten und Interessen. Sie möchte da­mit zum besseren Verständ­nis für die Erkrankung bei­tragen. Erschienen ist das Buch im Weidler-Verlag, Berlin
Das ist beispielsweise einer dieser ungewöhnlichen Wege, wie Betroffene mit sich und der Außenwelt in Kontakt kommen und ihr Anliegen sowie ihre Situation darstellen können. Und noch viele weitere Maßnahmen sind denkbar, um auch sprach­lich und kommunikativ weniger geschickten autistischen Men­schen eine Selbsthilfearbeit zu ermöglichen. Hierfür bietet sich auch das Internet an, wo bereits einige Selbsthilfeforen exis­tieren und viele Betroffene regelmäßig Hilfe und Unterstüt­zung erfahren.
Informationen bei Dr. med. Christine Preißmann Fachärztin für Allgemeinmedizin, Psychotherapie E-Mail: Ch.Preissmann(at)gmx(dot)de

Kurzbiografie: Dr. Christine Preißmann, Ärztin für Allgemeinmedizin und Psychothe­rapie, selbst vom Autismus betroffen (Diagnose Asperger-Syndrom im Erwachsenenalter). Teilzeittätigkeit im Suchtbereich einer psychiatri­schen Klinik. Öffentlichkeitsarbeit mit Referaten bei Fachveranstaltun­gen und Publikationen (u.a. zwei Bücher für Fachleute und Betroffene bzw. Angehörige) sowie Rundfunk- und Fernsehauftritten, um Informa­tionen zu bieten über den Autismus in all seinen Facetten und das Le­ben der betroffenen Menschen.