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Die Wiederkehr der Kinderlähmung

Von Klaus Schulz

Gerade mal drei Jahre alt war Doris Balonier 1948, als sie an Kinderlähmung erkrankte. Die Symptome besserten sich im Laufe der Jahre wieder. Doris konnte wieder laufen. Sogar mit ihren Eltern in den Bergen zu wandern, war bald wieder möglich. Alles schien in Ordnung, bis Mitte der 1990er Jahre auf einmal die Kraft in den Beinen nachließ und ganz zappelig wurden. Ein Neurologe stellte fest, dass die Nervenbahnen dem Untergang geweiht waren. Einen Namen gab er seiner Diagnose allerdings nicht. Erst sechs Jahre später erfuhr Doris Balonier von einer Freundin, dass es sich um das Post-Polio-Syndrom handelte. So nennt man die Wiederkehr der Lähmungen etwa 30 bis 40 Jahre nach der Ersterkrankung.

Manch einer erinnert sich heute noch an die Schluckimpfungen gegen die Kinderlähmung: „Schluckimpfung ist süß, Polio ist bitter" lautete der Slogan, mit dem für die Impfungen geworben wurde. Diese waren erfolgreich. Die spinale Kinderlähmung gilt deshalb als ausgestorben. Neuerkrankungen gibt

Doris Balonier würde gerne einen Parkplatz mit diesem Symbol benutzen dürfen, doch noch verweigert ihr das Versogungsamt den Schwerbehindertenausweis.

Foto. Klaus Schulz

es nicht mehr. Mit der Krankheit ging aber auch das Wissen der Ärzte darüber verloren. Deshalb gibt es heute in Deutschland verlässliche Informationen über Polio nur noch in der Mitgliederzeitschrift des Bundesverbandes Polio e.V. Der Verband wiederum holt sich sein Wissen aus den USA, wo auch heute noch über die Kinderlähmung geforscht wird.

Warum kommt die Lähmung aus dem Kindesalter nach so vielen Jahren wieder? Eine eindeutige Antwort gibt es noch nicht. Eine Zeit lang vermuteten die Forscher, dass sich das Virus im Körper einkapselt und so überlebt. Von der Tuberkulose oder dem Herpes kennt man dieses Phänomen. Gegen diese These spricht aber, dass bei den Spätfolgen der Kinderlähmung keine Viren im Körper des Betroffenen nachweisbar sind. Auch ist die Wiederkehr der Polio nicht ansteckend. Deshalb liegt die Vermutung nahe, dass es durch den krankheitsbedingten Ausfall von Nerven in der Kindheit zu einer Überlastung der noch weniger betroffenen Nerven kam. Also eine Überlastung und Zerstörung verbliebener zu den Muskeln führender Nervenfasern, wahrscheinlich ausgelöst durch emotionalen (seelischen), physischen (durch Überanstrengung) oder einen stoffwechselbedingten Stress der Nervenzellen. Jetzt, nach vielen Jahren, machen die Nerven wegen der jahrelangen Überbeanspruchung einfach schlapp. Für diese These spricht, dass in der Kindheit Doris Baloniers linkes Bein gelähmt war und nun ihr rechtes Bein Probleme bereitet – es hatte über sechzig Jahre die Hauptlast des Körpers zu tragen. Eine Arthrose ist die Folge.

Bitter für Doris, die kaum noch laufen kann, dass das Versorgungsamt ihr bislang einen Schwerbehindertenausweis verweigert. Wo kann ich mit dem Auto so parken, dass ich auch genügend Platz habe um auszusteigen? Wie weit muss ich laufen?

Die Gruppe trifft sich ab 10. November alle zwei Monate. Informationen bei Doris Balonier, Telefon (06165) 23 39 oder Karin Vogel, Telefon (09372) 55 72, Mail herbertfranzvogel@web.de