TIPP
Dankbarkeit und Demut als Motor für ehrenamtliches Engagement in Selbsthilfegruppen
Von Klaus Schulz
Friedel Weyrauch ist Alkoholikerin. Sie war medikamentenabhängig und magersüchtig. Durch ihre Teilnahme bei den Anonymen Alkoholikern kam sie in 10 Jahren von ihrer Sucht los. Sie lernte viel in der Gruppe für Anonyme Alkoholiker – nicht nur, wie man das erste Glas stehen lässt. Mit diesem Wissen gründete sie in Reichelsheim – unterstützt von den Anonymen Alkoholikern in Erbach - selbst eine AA-Gruppe.
Schließlich bot ihr der Arbeitskreis Suchtkrankenhilfe an, eine Ausbildung zur Suchtkrankenhelferin zu absolvieren. Friedel Weyrauch sah für sich die Chance, das eigene Erleben noch einmal aufzuarbeiten zu können. Auch hatte sie so die Möglichkeit, eigene Ideen und auch das Wissen, wie sie es geschafft hat, nicht mehr trinken zu müssen, an Betroffene weitergeben zu können. In dem Arbeitskreis Suchtkrankenhilfe arbeitete Friedel zunächst als Schriftführerin, später als Verwaltungskraft. Im Odenwaldkreis entstand die Jugend- und Drogenberatung deren Trägerschaft das Deutsche Rote Kreuz übernahm. Eines Tage wurde Friedel gefragt, ob sie nicht auch einmal eine Selbsthilfegruppe für das Rote Kreuz initiieren wolle. Klar wollte sie! Sie sah ihre Chance gekommen, auch eigene Ideen verwirklichen zu können. Deshalb zögerte sie nicht und ergriff die Gelegenheit. So entstand die erste Gruppe für DRK-Gruppe für Alkoholiker in Erbach, die in diesem Jahr ihr 20jähriges Bestehen feiert.
Aus ihrer Neugier, warum Angehörige so lange bei einem Säufer aushalten, entstand eine Angehörigengruppe, aus der wiederum ein Elternkreis für drogenabhängige Jugendliche und Erwachsene erwuchs. Mittlerweile hatte sich Friedels Engagement schon herumgesprochen im Odenwald. So nimmt es nicht Wunder, dass sie eines Tages gefragt wurde, ob sie nicht auch etwas für Menschen mit Essstörungen tun könne. Dieser Gruppe gehört sie noch heute an.
Gruppen zu initiieren und zu führen, kann auch sehr schnell die eigenen Leistungsgrenzen aufzeigen. „Meine Familie ist oft sauer, dass ich zu viel arbeite. Aber ich denke, dass jeder auf dem richtigen Platz steht", sagt sie. Damit ihr Engagement sie nicht völlig auffrisst, fördert Friedel den Nachwuchs in den Gruppen von Anfang an. So gibt es in jeder Gruppe gibt es ein oder zwei, meist jüngere Vertreter der Gruppensprecherin, die jederzeit dafür sorgen, dass die Gruppe auch ohne Friedel eine effektive und gewinnbringende Arbeit für sich selbst und die Betroffenen leisten kann. „Ein Gruppensprecher ist dann am richtigen Platz, wenn man nicht merkt, dass er Gruppensprecher ist und die Gruppe trotzdem gut läuft", lautet ihr Credo.
In der Fähigkeit, loslassen zu können, sieht Friedel Weyrauch den Schlüssel für den Erfolg der Gruppen. Jeder darf so sein, wie und was er ist. Auch die Teilnehmer in den Gruppen müssen loslassen können, wenn ein Mitglied eines Tages nicht mehr kommt. Nicht jeder Alkoholiker, der die Gruppe verlässt, fängt wieder mit dem Saufen an. Möglicherweise sucht er sich nur eine andere Gruppe oder er ist gefestigt genug, seinen Weg alleine weiter zu gehen. Man muss einfach auch Vertrauen haben, in die Menschen.
Leider haben die meisten Gruppen viel zu wenig jüngere Mitglieder. Aber der Generationswechsel wird kommen, denn die Einstiege in die Sucht erfolgen immer früher. Natürlich wird nicht jeder Komasäufer auch gleich zum Alkoholiker. Viele Jugendliche wollen ganz einfach nur mal ihre Grenzen austesten – ein, zwei oder drei Wochenenden lang. Die meisten haben danach genug. Nur wenige bleiben am Alkohol hängen.
Wichtig ist aber für Friedel Weyrauch, dass die Gruppentreffen anders verlaufen, wenn „Neue" anwesend sind. Die starren Regeln: Wer etwas sagen möchte, meldet sich zu Wort; es spricht immer nur einer, diese Regeln werden in diesem Moment außer Kraft gesetzt. Dann darf auch munter durcheinander diskutiert werden. Die „alten Hasen" müssen einfach mal etwas lockerer werden, mehr darauf eingehen, was die Jugendlichen wollen und was sie brauchen.
Trauergruppen
Wer über so viel soziale und kommunikative Kompetenz verfügt wie Friedel Weyrauch, wird auch um Unterstützung für trauernde Menschen gefragt. Durch den Tod ihres Mannes selbst noch in Trauer, fühlte sie sich aber dieser Aufgabe nicht gewachsen. Gleichwohl konnte sie Pfarrer Klaus Schimmel für die Inhalte eines Gesprächskreises Trauer gewinnen, während Friedel selbst sich um die Organisation kümmerte. Unterstützung bekamen beide von der Ärztin Ina Schmerker-Goldschmidt. Auf Initiative der Kirche kam noch eine Gruppe für trauernde Eltern hinzu. Natürlich werden mittlerweile auch trauende Kinder betreut. Mit Geldern aus der Glücksspirale konnte eine Erzieherin mit spezieller Ausbildung in Trauerbegleitung für die betroffenen Kinder gewonnen werden.
Angst und Depression
Das Diakonische Werk wünschte sich in Kooperation mit dem DRK eine Selbsthilfegruppe zum Thema Angst und Depression in Bad König. Der Bedarf ist hoch. Die Teilnehmerzahl ist groß. Einmal monatlich trifft sich diese Gruppe in Bad König. Die Gruppe wird begleitet von Christiane Beylich vom Diakonischen Werk und Friedel.
Aufgrund des Krankheitsbildes möchte sich allerdings keiner der Betroffenen in die Führungsposition begeben, weshalb diese Gruppe noch immer Unterstützung von außen benötigt.
Wie gründet man eine Gruppe?
Ein interessanter Vortrag mit einem guten Referenten bildete vielfach den Auftakt zur Gruppengründung. Bereits bei der Ankündigung der Veranstaltung, auf der Einladung in den Vortragsraum, betont Friedel Weyrauch, dass aus diesem gemeinsamen Abend auch eine Selbsthilfegruppe entstehen kann. So hat sie von vornherein nur am Thema interessierte Menschen um sich. Streuverluste, die dadurch entstehen, dass die gesamte Bevölkerung einer Region über Zeitungsanzeigen und Flyer angesprochen wird, können so vermieden werden. Außerdem haben sich die Zuhörer des Vortrags bereits gedanklich mit dem Thema Selbsthilfegruppe auseinandersetzen können, denn es war ja angekündigt.
Nach 30 Jahren Arbeit in und für die Selbsthilfe resümiert Friedel Weyrauch: „Ich bin voll Dankbarkeit und Demut, dass ich mit Hilfe der Gruppe aus meiner eigenen Sucht herausgekommen bin. Dies gibt mir die Kraft, das ist der Motor für mein Engagement."
Informationen: Friedel Weyrauch, Bundessprecherin der DRK-Suchtselbsthilfegruppen, Telefon (06061) 13222; Büro: Am Treppenweg 8, 64711 Erbach, Telefon (06062) 60760 eMail: selbsthilfe@drk-odenwaldkreis.de www.DRK-Selbsthilfegruppen.de

