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Ärztemangel in Deutschland?

Dabei hat jeder Arzt rein rechnerisch immer weniger Patienten zu betreuen. Plädoyer für eine sozialere Medizin.

Von Klaus Schulz

 

Von 1990 bis 2005 hat die Zahl der Klinikärzte um 24 Prozent und die Zahl der niedergelassenen Ärzte um 46 Prozent zugenommen (statistisches Bundesamt) Insgesamt kümmerten sich 2009 rund 430.000 Ärzte um unsere Gesundheit (BÄK). Das klingt doch recht gut. Noch aussagekräftiger als die Gesamtzahl der Ärzte, ist die Zahl der Einwohner, die ein Arzt rein rechnerisch zu versorgen hat. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (Daten 2006) nimmt Deutschland innerhalb Westeuropas mit 345 Ärzten pro 100.000 Einwohner eine Position im vorderen Mittelfeld ein. Griechenland führt mit 500 (Stand 2005), gefolgt von Belgien mit 422 und Italien mit 365 Ärzten pro 100.000 Einwohner. Die Iren müssen mit 292 Ärzten pro 100.000 Einwohner auskommen (Quelle: Kassenärztliche Bundesvereinigung). Wenn wir doch so viele Ärzte haben, warum ist dann in den Medien immer wieder von einem Ärztemangel zu lesen?

Gäbe es die Selbsthilfe nicht, sähe unsere Gesundheitslandschaft mancherorten ziemlich öde aus. Es sind die Selbsthelfer, die weite Wege auf sich nehmen, um wenigsten einmal pro Woche sich mit Gleichbetroffenen austauschen zu können. Der Mensch ist ein soziales Wesen, das in der Einsamkeit verkümmert. Der Arzt hatte früher eine soziale Funktion. Wir sagten, es sei ein guter Arzt, wenn er uns zuhörte, Zeit hatte für ein Gespräch und auf uns eingehen konnte. Es ging in der ärztlichen Tätigkeit immer schon um die Beziehung zu seinen Patienten. Arzt zu sein ist seit Urzeiten ein sozialer Beruf. Solange der Arzt diese Berufung ausfüllte, haben wir ihm auch sein hohes Einkommen gegönnt.

Werden Ärzte aber zu Technikern, denen eine schöne Wohngegend wichtiger ist als ihre Patienten – und bekommen sie deshalb nur noch so viel Lohn für ihre Arbeit wie ein Automechaniker, dann sei es drum. Selbst Schuld!

Wir, die Patienten, wissen uns selbst zu helfen. Und das nicht nur als Lückenbüßer für ein marodes Gesundheitssystem, sondern aus Überzeugung. Selbsthilfe ist wichtiger denn je!

Schauen wir aber noch genauer hin und zwar auf unsere deutschen Hausärzte, dann wird ein ganz besonderes Phänomen sichtbar: Die Zahl der Patienten, die ein Hausarzt zu versorgen hat, halbierte sich – weil es immer mehr Ärzte gibt aber die Bevölkerungszahl stagniert.

Jetzt könnte man meinen, das wäre gut für uns Patienten, weil sich die Medizinmänner und –frauen jetzt intensiver um uns kümmern können. Das tun sie auch. Weil Ärzte für jede Beratung, für jede Spritze und jede Verordnung und auch jede Blutdruckmessung, Geld bekommen, bestellen sie uns Patienten öfter in die Praxis. So können sie den Einkommensverlust aufgrund der immer kleiner werdenden Patientenzahlen ausgleichen, indem sie uns öfter behandeln. Die Zahl der Behandlungsfälle in der ambulanten Versorgung stieg deutlich an. Erklärt wird das durch eine stärkere Inanspruchnahme ambulanter Leistungen seitens der Patientinnen und Patienten, durch häufigere Überweisungen oder eine erhöhte Quote von Wiedereinbestellungen. Die Zahl der Behandlungsfälle ist im Osten (+59 %) schneller gestiegen als im Westen (+27 %). Aber wohlgemerkt, nicht weil die Bevölkerung kränker geworden wäre.

Wenn uns also die Politiker und ärztlichen Standesvertreter weiß machen wollen, das Gesundheitswesen sei deswegen so teuer, weil wir alle älter werden und damit kränker und mehr Leistungen in Anspruch nähmen, dann ist das nur die halbe Wahrheit. Vielmehr sorgt ein Überangebot von Ärzten dafür, dass mehr Leistungen abgerechnet werden, denn alle Anbieter wollen auch leben können von ihrer Arbeit.

Also warum heißt es allenthalben, wir hätten zu wenig Ärzte? Weil die Ärzte bevorzugt dort ihre Praxen eröffnen, wo es sich gut und bequem leben lässt und das Ambiente stimmt. Sie ziehen dagegen weg aus den Gegenden, in denen sie viel und anstrengend arbeiten müssen, also beispielweise häufig nachts aus dem Bett geklingelt werden, um einen Hausbesuch zu machen. Deshalb haben wir zu wenig Ärzte auf dem Lande. Und wir haben zu viel Ärzte dort, wo es chic ist zu wohnen, in München beispielsweise und seit ein paar Jahren auch wieder in Berlin. Im Alpenvorland von Konstanz bis nach Bad Reichen-hall treten sich die Ärzte gegenseitig auf die Füße, so eng ist es dort mittlerweile geworden. Da jammern die Ärzte, dass sie zu wenig Geld verdienen, weil das Geld, das wir Versicherten in das System einbezahlen, auf mehr Ärzte verteilt werden muss und deshalb weniger für den einzelnen übrig bleibt.

„Bei gleichbleibenden Budgets zwingt die demografische Entwicklung zu mehr Effizienz." So klingt das Verteilungsproblem in einer aktuellen Studie im Jargon der Unternehmensberatung Roland Berger, die natürlich für die Ärzte arbeitet. Also, liebe Leser. Wie gesagt, das Jammern der Ärzte hat nichts mit der demografischen Entwicklung zu tun, sondern mit einem Zuviel an Ärzten in bestimmen Regionen.

In den ländlichen Regionen könnten sich Ärzte auch heute noch dumm und dusselig verdienen, sie müssten allerdings auch hart dafür arbeiten. Wer will das schon? Der Ärztemangel in Brandenburg beispielsweise nimmt dramatische Ausmaße an. Deshalb könnten Online-Diagnosen und virtuelle Behandlungen schon bald zum Alltag gehören.

Auf dem 2. Greifswalder Symposium am 18. Oktober in Berlin, in den Räumen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, waren die absonderlichsten Vorschläge zu hören, wie man dem Ärztemangel im ländlichen Raum begegnen könne. Telemedizin war eines der Schlagworte. Schon heute können Patienten über elektronische Systeme ihre Werte messen und an eine Klinik senden lassen. „Wenn man bestimmte Parameter regelmäßig erfasst, kann man auch aus der Distanz einschätzen, ob sich der Patient in einer guten gesundheitlichen Verfassung befindet", sagt Martin Schultz vom Telemedizinzentrum der Charité in Berlin. Wenn in der Gesamtschau aus Daten wie Körpergewicht, Blutdruck und EKG etwas nicht in Ordnung ist, könne dann automatisch ein Notarzt alarmiert werden.

Diese Entwicklung macht Angst. Nur auf keinen Fall dem Patienten zu nahe kommen! Eine sowieso schon sehr technologiegläubige Medizin bekommt weiteren Auftrieb. Wie lange dauert es noch, bis wir uns nicht nur zur Diagnose in die Röhre legen, sondern der Computer auch gleich die Behandlung übernimmt – als wären wir auch nur Maschinen, die zur Reparatur müssen, wenn sie einen Defekt haben.

Andere Wissenschaftler schlagen vor, ärztliche Leistungen einfach zu delegieren. Die Hebamme kümmert sich nun alleine um die Neugeborenen, Schwestern und Therapeuten hören den Patienten ab und geben bei Bedarf eine Spritze. Besonders bemerkenswert der Vorschlag, die Ärzte einmal pro Woche mit einem Bus auf die Dörfer zu schicken, so wie das bei Bibliotheken und Gemüsehändlern schon Tradition hat. Ob dieser Ärztebus dann auch eine große Glocke bekommt für den Ausrufer: Rezepte, frische Rezepte! Heute im Rheuma im Sonderangebot … besonders günstig!

Wie weit haben sich manche Mediziner von den Menschen und ihren Bedürfnissen entfernt? Früher gingen die Bürger zum Pfarrer, wenn sie ein Problem hatten und reden wollten. Die Pfarrer kamen im Laufe der Jahre aus der Mode. Ärzte nahmen deren Stelle ein. So manch alte, einsame Patientin kommt täglich zu ihrem Arzt, um mit jemandem zu reden. Es ist bereits ein lieb gewonnenes Ritual für die beiden. Was, wenn der Arzt eines Tages nicht mehr da ist? Wenn der vertraute Gesprächspartner plötzlich fehlt, ein neuer sich nicht niederlässt?