TIPP
Was ist Krankheit - was Gesundheit?
Leib und Seele als Zielobjekte von Selbsthilfe
Dass Selbsthilfe eine hilfreiche Unterstützung bei
der Bewältigung von Krankheit bietet, bezweifelt kaum
jemand, der sich einer der unzähligen Gruppen angeschlossen
hat. Gesundheit und Wohlbefinden werden gefördert. Doch was ist Krankheit eigentlich? Was ist Gesundheit? Und wie wirkt die Selbsthilfe?
Im allgemeinen Sprachgebrauch betrachten wir Gesundheit
und Krankheit als natürliche Gegensätze. Prinzipiell ist nichts
falsch an dieser Sichtweise, doch führt es zu dem Paradoxon,
dass wir einen Menschen, der nach einem Autounfall mit gebrochenen
Armen und Beinen im Krankenhaus liegt, als gesund
bezeichnen können, weil er keine Krankheit im eigentlichen
Sinne hat. Im herkömmlichen Krankheitskonzept sind Unfälle
nicht eingeschlossen. Um diesen Widerspruch zu lösen, erweitern
Ärzte den Krankheitsbegriff um die Unfallfolgen als die so
genannten „traumatischen“ Erkrankungen (Trauma = Wunde,
Verletzung). Auch Kopfschmerzen sind keine Krankheit, sondern
allenfalls das Symptom einer Krankheit.
Es macht also Sinn von Leiden zu
sprechen statt von Krankheit.
Das Leiden, als Oberbegriff, umfasst auch Unfälle, Kopfschmerzen,
Allergien, also alles, was einen Menschen veranlasst, einen Arzt aufzusuchen.
Doch auch dieser Begriff des Leidens ist nicht unproblematisch.
Zur Erläuterung ein kurzer Ausflug in die englische
Sprache: Engländer und Amerikaner unterscheiden zwischen
„illness“ und „disease“. Beides übersetzen wir mit „Krankheit“. Illness bedeutet, dass der betroffene Mensch an Symptomen leidet. Also ein Schnupfen beispielsweise lässt uns niesen, die Nase läuft und so weiter. Eine Disease kann man auch haben, ohne dass sich irgendwelche Symptome zeigen.
Nehmen wir den Bauchspeicheldrüsenkrebs als Beispiel:
Dieser Krebs entwickelt sich über einen sehr langen Zeitraum
ohne, dass der betroffene Mensch irgendetwas davon spürt.
In dem Moment, wo dann doch irgendwann Symptome auftreten,
ist es für eine effektive Behandlung meist zu spät. Und damit wird unser Versuch einer Begriffsdefinition vollends verwirrend: Man kann ein Leiden (im Sinne von Krankheit) haben, ohne zunächst daran zu leiden.
Verlassen wir deshalb diesen Versuch genau definieren zu wollen, was Krankheit oder Gesundheit ist. Begnügen wir uns mit einer Beschreibung dieser beiden Lebenszustände.
Bernhard Gert, Professor für Philosophie am Dartmouth College in Hanover im US-Bundesstaat New Hampshire, beschreibt Leiden (als Oberbegriff), wenn ein Mensch von Tod bedroht ist oder ihn erleidet, ihm Schmerzen widerfahren, er
eine Behinderungen hinnehmen muss, seine Freiheit verliert oder seine Freude am Leben. Um vom leidenden Menschen zu sprechen reicht es, wenn jemand eine oder mehrere dieser Erfahrungen mit Sicherheit in der näheren Zukunft machen wird.
Eine Person mit klarem Verstand, so Gert, wird stets versuchen, diese beschriebenen Leiden zu vermeiden, ausgenommen es gibt einen angemessenen Grund dies nicht zu tun. So ein Grund kann sein, ein geringes Leiden in Kauf zu nehmen, um ein größeres Leiden zu verhindern. Der Krebspatient erduldet beispielsweise eine äußerst unangenehme Chemotherapie, um den Krebs zu heilen, den Krebstod zu vermeiden.
Das Prinzip der fünf Bedrohungen, die es zu vermeiden gilt (Tod, Schmerz, Behinderung, Freiheitsverlust, Verlust von Freude), ist bei Betrachtung körperlichen Leiden offensichtlich und damit leicht verständlich. Schwieriger scheint die Anwendung dieses Prinzips bei psychischen Leiden. Doch es
funktioniert auch hier: Ein Mensch mit einem Waschzwang beispielsweise, wäscht sich so exzessiv die Hände bis die schützende Haut zerstört wird. Er verletzt sich damit selbst und fügt sich so Schmerzen zu. Aber auf diese Weise verhindert er aber Angst- und Panikattacken, die für ihn eine viel größere
Bedrohung wären.
Depressive Erkrankungen sind ein anderes Beispiel.
Manche Formen der Depression sind heilbar, andere nicht. Nachdem alle verfügbaren Therapieansätze gescheitert sind, kann der Suizid für den rational
denkenden depressiven Patienten das kleinere Übel sein, verglichen mit einem Leben in Depression.
So viel zu Krankheit.
Doch was ist Gesundheit?
Ein Mensch ist gesund, wenn er in der Lage ist, seine sich selbst gesetzten
Ziele zu erreichen oder zumindest anzustreben. Die Ziele dürfen sich
aber nicht gegenseitig ausschließen. Sie müssen miteinander vereinbar
sein. So definiert der Arzt Professor Kenneth A. Richmann aus Boston, Massachusetts, Gesundheit.
Wenn dieses zielgerichtete Verhalten des Menschen auf die biologischen Körperfunktionen bezogen wird (der Leib hat das Bestreben, zu funktionieren), kann dies im Widerspruch stehen mit den psychosozialen Zielen des
Individuums. So verletzen beispielsweise Tätowierungen und Piercings die Haut, machen aber den Träger modisch, attraktiv und interessant für Liebhaber. Der Körper möchte seine Integrität bewahren, die Seele sucht nach Anerkennung und möchte deshalb vielleicht Gruppenzugehörigkeit demonstrieren.
Gesundheit des Organismus und Gesundheit der Person können also durchaus widersprüchlich sein. Deshalb muss die Antwort auf die Frage, ob ein Mensch gesund ist, differenziert werden, je nachdem ob man die körperlichen, oder die seelischen Ziele in den Vordergrund rückt.
Während sich die körperliche Gesundheit an Normalwerten orientiert, also beispielsweise dem Blutzucker, dem Blutdruck, der Beweglichkeit oder Sehfähigkeit, ist die mentale Gesundheit individuell sehr unterschiedlich. Sie misst sich an den jeweils gesetzten Zielen und dem mehr oder weniger intensiven Bestreben, diese Ziele auch zu erreichen. Menschen mit
sehr wenigen und wenig ambitionierten Zielen können durchaus gesund sein. Vielleicht haben sie nur einen begrenzten Erfahrungshorizont und können sich nicht vorstellen, welch wunderbaren Dinge das Leben zu bieten hat. Vielleicht sind sie einfach nur ein wenig faul.
Was aber, wenn ein Mensch durch eine Krankheit daran
gehindert wird, seine Ziele zu erreichen? Eine rheumatische Erkrankung behindert die Beweglichkeit eines Einzelhandelskaufmanns.
Es wird im unmöglich, weiterhin die Waren vom obersten Regalbrett zu greifen, um sie den Kunden zu geben. Ein Arzt würde wahrscheinlich schmerzlindernde
Medikamente verschreiben und ein Funktionstraining verordnen. Damit soll die Beweglichkeit wieder hergestellt werden. Man könnte natürlich auch das Regalbrett tiefer anbringen an der Wand, damit der Patient es wieder erreichen kann. Als dritte Möglichkeit könnte der Kaufmann aber auch seine Ziele
modifizieren: Ist es wirklich erstrebenswert, bis ins hohe Alter hinter dem Ladentisch zu stehen um Geld zu verdienen? Er könnte beispielsweise auch seinen Laden verkaufen oder verpachten, mit dem Erlös seinen Unterhalt bestreiten und in der gewonnen Freizeit mit den Enkeln spielen.
Dieses Beispiel zeigt prinzipiell drei Ansatzmöglichkeiten zur
Wiederherstellung von Gesundheit:
1. medizinisch biologisch
2. Anpassung der Rahmenbedingungen
3. eigene Ziele ändern
An dem Beispiel wird auch offensichtlich, dass die Wiederherstellung
von Gesundheit niemals alleinige Aufgabe der Medizin sein kann. Familienmitglieder, Freunde, Lehrer, Bekannte und die Selbsthilfe, alle können sie einen Beitrag zur Gesundheit leisten. Die Selbsthilfe wirkt in allen drei Bereichen:
Sie informiert mithilfe von Experten über die medizinischen
Möglichkeiten. Zusammen mit Integrationshelfern und Reha-
Sachverständigen versucht die Selbsthilfe, die Umgebung
des Betroffenen seinen Fähigkeiten anzupassen. Durch beispielhaftes Vorleben anderer Betroffener gibt die Selbsthilfe Anregungen, die eigenen Ziele an die verblieben körperlichen Möglichkeiten zu adaptieren. Wer seine Ziele so verändert, dass sie erstrebenswert und erreichbar sind, kann sich wieder
relativ gesund fühlen, auch wenn der Organismus gehandicapt ist. Selbsthilfe ist eben gut für Leib und Seele. (ks)

