TIPP
Narben der Seele
Vernachlässigt, missbraucht, misshandelt – kaum ein Tag vergeht, an dem wir nicht von den ungeheuren Qualen lesen können, die manche Eltern ihren Kindern zufügen. Wir lesen von den Eltern, denen das Sorgerecht
entzogen wird, die verurteilt werden. Doch was wird aus den Kleinen? Wie wirken sich solche Kindheitserfahrungen auf das weitere Leben aus?
Nun, mit einem Tierexperiment kamen die Forscher im Jahr 2004 den Vorgängen im Kopf auf die Spur. Die Hälfte der Babys einer Rattenmutter wurden von den Forschern einmal am Tag etwas gestreichelt, was dazu führte, dass die Rattenmutter diese Babys besonders intensiv umsorgte und leckte – vielleicht nur, um den Menschengeruch wieder von ihnen zu entfernen.
Das fanden die Rattenbabys ganz wunderbar. Sie hatten in dieser Phase ihres Lebens weniger Stress als die andere Hälfte ihrer Geschwister, die ganz normal, also unberührt von den Forschern, aufwuchsen. Das machten die Forscher regelmäßig in den ersten drei Lebenswochen der Babys. Das ist die
Lebensphase, in der die Babys noch gestillt werden von der Mutter.
Dann setzte man die Rattenbabys in einem kleinen Swimmingpool, in dem das Wasser mit etwas Milch undurchsichtig gemacht war. In diesem Pool befand sich unter der Wasseroberfläche eine kleine Plattform, auf der sich die Rattenbabys
ausruhen konnten. Nachdem die Babys bei ihrem ersten Ausflug die Plattform irgendwann entdeckt hatten, schwammen sie bei allen weiteren „Badetagen“ schnurstracks direkt zur Plattform, weil sie sich gemerkt hatten, wo diese war. Das konnten die Rattenbabys aus beiden Gruppen gleichermaßen
gut. Dann ließ man die Babys vollkommen unberührt ihr Leben weiter führen. Nach einem Jahr wiederholte man das Experiment im Swimmingpool. Und wieder fanden alle Ratte, sowohl die aus der besonders umsorgten Gruppe also auch die etwas stressreicher aufgewachsene „Normalgruppe“, die Plattform gleich gut und schnell.
Als man das Schwimmexperiment nach einem weiteren Jahr noch einmal machte, die Ratten waren mittlerweile sozusagen im „Rentenalter“, da gab es plötzlich große Unterschiede. Während die als Babys sehr umsorgten Ratten auch diesmal wieder die Plattform sehr zielstrebig ansteuerten, irrten ihre
etwas stressreicher aufgewachsenen Geschwister ziemlich ziellos im Pool umher. Wohlgemerkt: Der einzige Unterschied zwischen den beiden Rattengruppen war ihre Behandlung in den ersten drei Lebenswochen.
Das war das weltweit erste Experiment, in dem gezeigt werden konnte, dass ein frühes Kindheitstrauma Auswirkungen hat, die erst im hohen Alter sichtbar werden.
Wie ist das zu erklären?
Dazu ein kleiner Ausflug in das Hormonsystem unseres Körpers bei Stress. Über unsere Sinnesorgane erreichen uns Signale aus unserer Umwelt, die den Körper blitzartig über verschiedene Hormone in Alarmbereitschaft versetzen können. Es rast unser Herz, der Blutdruck steigt, Energie in Form von Glucose
wird aus den Vorratskammern in den Muskeln und der Leber ins Blut abgegeben. Innerhalb von kürzester Zeit ist der Körper bereit zu kämpfen oder davonzulaufen.
Diese Aufruhr des Körpers bekommt natürlich auch der Hippocampus mit. Der Hippocampus ist der stammesgeschichtlich wohl älteste Teil in unserem Gehirn. Er ist zuständig dafür, dass Erfahrungen vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis
überführt werden. Menschen, denen der Hippocampus entfernt oder zerstört wurde, können keine neuen Erinnerungen generieren. Alte Erinnerungen bleiben dagegen erhalten. Der Hippocampus ist darüber hinaus auch zuständig für die räumliche Orientierung. Ein funktionierender Hippocampus dämpft
normalerweise das Stresssystem. Wenn also ein gesunder Hippocampus von dem Aufruhr im Körper erfährt, kann er beruhigend auf die Situation wirken: „Hallo Leute, macht mal langsam. Ist doch alles nicht so schlimm!“
Das Problem ist jedoch, dass der Hippocampus selbst von den Stresshormonen geschädigt wird. Nervenzellen des Hippocampus sterben durch das Stresshormon. Erst ein klein wenig, dann immer mehr. Je mehr Stress ein Organismus erfährt, umso mehr Zellen des Hippocampus sterben, umso häufiger und intensiver wirkt sich der Stress aus. Vergleichbar ist das mit einer Lawine. Mit einem kleinen Schneeball beginnt sie – ein klein wenig mehr Stress in frühesten Kindheitstagen. Die Lawine kommt allmählich ins Rollen und wird mit der Zeit immer größer. Der Hippocampus wird selbst verschüttet und
hat irgendwann keine Chance mehr diese Stress-Lawine zu dämpfen oder gar zu stoppen.
Wenn alte Menschen Orientierungsprobleme haben oder wenn sie sich Dinge, die gerade erst passiert sind, einfach nicht merken können, dann kann dies daran liegen, dass ihr Hippocampus nicht mehr voll funktionsfähig ist. Und dies wiederum kann seine Ursache in frühesten Kindheitstraumata haben. Wohlgemerkt geht es nicht darum, dass die Alten ihre Kindheitserlebnisse nicht aufarbeiten können und mit ihrem Schicksal hadern, wie es vielleicht die Psychologen formulieren würden. Es geht darum, dass eine stressreichere Kindheit einige Nervenfasern in einem wichtigen Gehirnareal nachhaltig
zerstört hat.
Die Erkenntnisse aus dem geschilderten Tierexperiment konnten kürzlich von Professor Seth Pollak von der Universität in Wisconsin für den Menschen bestätigt werden. Er fand, dass Jugendliche, die in ihrer frühesten Kindheit misshandelt wurdenein beeinträchtigtest Immunsystem haben. Das gilt auch
für diejenigen Jugendlichen, die ihre Kindheit beispielsweise in rumänischen oder russischen Waisenhäusern verbrachthatten und dort vernachlässigt wurden. Michael Meaney, Biopsychologe aus Montreal obduzierte Suizidopfer, die in ihrer Kindheit sexuell missbraucht, immer wieder geschlagen
oder anderweitig traumatisiert wurden. Deren Hippocampi waren chemisch so verändert, dass sie ihre Funktion als „Stressbremse“ nicht mehr ausüben konnten. (ks)

