TIPP
Leibhaftig
Von Eva Engler-Kniep
„Genau!“ – „Das kenn´ ich!“, auf einmal nicken mehrere mit dem Kopf und auf den Gesichtern liegt ein Ausdruck von wachem Staunen. Eben saßen alle noch recht in sich gekehrt in der Runde. Man kennt sich noch wenig, ist in den eigenen Gedanken gefangen und weiß noch nicht so recht, ob dieses Zusammenkommen gut tun wird. Jetzt aber können sich einige kaum zurückhalten.
Was ist passiert?
Wenn jemand gefühlsnah vom eigenen Erleben spricht, löst das bei den Zuhörenden unmittelbar Empfindungen aus. Und selbst wenn sich jemand in einer Gruppe noch nicht vertraut fühlt und Hemmungen hat, sich zu äußern, mit dem Gesichtsausdruck und dem Kopfnicken reagieren alle ganz unwillkürlich. Ein aufmerksames Gegenüber erkennt die Gefühle, die der Film auslöst, der
vor unserem geistigen Auge abläuft, ohne dass wir selbst unserer Mimik gewahr werden.
Wo immer wir uns als Menschen leibhaftig begegnen, einander mit den Sinnen wahrnehmen, geschieht das mit „Leib und Seele“ – ob wir wollen oder nicht.
Was immer wir wahrnehmen, ruft eine körperliche Reaktion hervor;
denn unser Geist, ist im Gehirn und dies ist ein Teil unseres Körpers. Jede Wahrnehmung beginnt mit einem Sinnesreiz, der an die Großhirnrinde weitergeleitet wird. Dort wird der Reiz eingeordnet, als ein bestimmtes Geräusch, ein Bild, ein Geruch, eine Berührung, ein Geschmack, damit die Wahrnehmung benannt und später erinnert werden kann. Hier fällt auch die
Entscheidung darüber, wie auf den Reiz reagiert werden soll und welche Reaktion unterbleiben muss, weil sie erfahrungsgemäß ungehörig, unpassend oder gar schädlich wäre. Das geht allerdings meist so schnell, dass dieser Prozess - wenn überhaupt - nur bruchstückhaft bewusst werden kann. Ihre emotionale Zuordnung erfahren Wahrnehmungen noch viel schneller.
Bevor wir wissen, was wir sehen, hören, riechen und so weiter, reagiert unser Körper bereits auf den Reiz mit einem „unguten Bauchgefühl“, mit Schweißausbrüchen, Blasswerden oder Erröten, vor allem aber mit den Muskeln unseres Gesichts. Sie geben vor jeder bewussten Entscheidungsmöglichkeit über das limbische System* dem mit dem Reiz verbundenen Gefühl einen unmittelbaren Ausdruck.
Das Gesicht ist also in der Tat zumindest für einen Augenblick ein „Spiegel der Seele“; denn unmittelbar nach einem Reiz kann unser Gehirn keine Informationen verarbeiten, die nicht zu der Emotion passen. Zunächst wird das gesammelt und ausgewertet, was in Übereinstimmung mit dem Gefühl erinnert werden kann. Das dauert manchmal weniger als eine Sekunde, aber in der Zeit sind wir nicht in Lage unsere Mimik gegen das spontan Gefühlte willentlich
zu überlagern. Diese unmittelbaren Emotionen lassen sich nicht
ausschalten oder abtrainieren. Zu ihnen gehören angeborene –
wir erschrecken bei einem lauten Knall -, aber auch erworbene,
beispielsweise durch Traumatisierung entstandene, Emotionen.
Das emotionale Signalsystem des limbischen Teils unseres
Gehirns lässt sich außerdem unter keinen Umständen willentlich an oder abschalten. Immer, wenn wir etwas so unmittelbar empfinden, erscheint dies – ob wir wollen oder nicht - für einen Moment auf dem Gesicht. Zwar hat die menschliche Mimik Tausende verschiedener Ausdrucksvarianten zur Verfügung, doch sind sie in ihren Grundzügen so vertraut, dass sie überall auf der Welt als
solche wiedererkannt werden.
Ein weiteres leibliches Aktionsfeld der menschlichen Seele sind die, erst vor ungefähr zehn Jahren entdeckten, Spiegelneuronen.
Spiegelneuronen gehören zum genetischen Erbe, sind also „Grundausstattung“ jedes Säuglings, allerdings nur als ein Potenzial. Sie brauchen ein passendes Beziehungsangebot, um sich zu entfalten und weiter zu entwickeln. Fehlen sie, kommt es zu emotionalen Kontaktschwierigkeiten und das Glück, sich mit
jemandem intuitiv verbunden zu fühlen, kann verloren gehen oder ist zumindest stark eingeschränkt.
Spiegelnervenzellen ermöglichen Empathie
und in ihrem Zusammenspiel Sympathie.
Sie wird in Mimik und Körpersprache sichtbar und lässt sich nicht ersatzweise willentlich planen und herstellen. Sie muss spontan, authentisch und in Einklang mit der tatsächlichen inneren Stimmung sein. Noch eine weitere Fähigkeit der Spiegelneuronen ist für das Einfühlungsvermögen hilfreich. Sie versetzen nicht nur in die Lage, mit zu erleben, was wir sehen oder hören, durch sie
kann auch allein in der Vorstellung, wie in einem inneren Film, die Mimik oder Körperhaltung eines anderen imitiert und eine Mitreaktion der entsprechenden Gefühle hervorgerufen werden. Das heißt, wer gelernt hat, wie sich etwas im Körper anfühlt, kann dies auch in seiner Vorstellung tun und so buchstäblich nachfühlen.
Für das gegenseitige Verstehen sind uns Menschen somit schon
in der physischen Ausstattung wunderbare Möglichkeiten gegeben.
Sie brauchen aber alle von Anfang an den zwischenmenschlichen
Kontakt, damit sie wirksam werden können. In der Regel werden das die Eltern sein. Aber auch wenn Eltern für ihre Kinder nur „das Beste“ wollen, auch wenn sie sich nach Kräften mühen, ihnen im Rahmen ihrer Möglichkeiten alles mit zugeben, was zu einem guten und glücklichen Leben nötig ist, wird ihnen das nur unvollkommen gelingen. Die eigenen Erfahrungen, der biografische,
historische und soziale Kontext, in den sie eingebettet sind, beschränken die Fähigkeiten von Eltern immer. Und immer hat das Folgen für die Kinder und ihr Lebensgefühl. Manches bleibt eine biografische Besonderheit, doch andere – auch traumatische Erfahrungen - prägen ganze Generationen. Wie wir uns verhalten, wie empfindlich wir auf Anforderungen oder Veränderungen
reagieren, wie widerstandsfähig wir gegenüber den Zumutungen des Lebens sind, wird durch die Erfahrungen in der Kindheit beeinflusst und womöglich sogar durch die Erfahrungen, die unsere Vorfahren uns vererbten.
Wer in der Kindheit nicht erfahren hat, dass es möglich ist, eigene Bedürfnisse im Kontakt mit anderen zu erfüllen, wird sich als Erwachsener in Beziehungen mit anderen zurückhaltend (äußert keine Wünsche/ Bedürfnisse), egozentrisch (nimmt Bedürfnisse/ Gefühle anderer nicht wahr oder ignoriert sie) oder sich zurücknehmend („erst die anderen“, “nicht so wichtig“) verhalten.
Lebendig bleiben die Bedürfnisse, die in den Kindertagen ungenügend befriedigt wurden, im Erwachsenenalter dennoch, auch wenn ihre Befriedigung durch andere wegen der schlechten oder ungenügenden Erfahrungen nicht mehr erwartet, geschweige denn als Wunsch geäußert, wird. Das wird lebensgeschichtlich wieder besonders bedeutsam, wenn die eigenen Kräfte zumindest zeitweilig nicht ausreichen und „man sich nicht mehr selbst
helfen kann“
In solchen Zeiten brauchen wir andere Menschen als Gegenüber. Menschen, die sehen, hören und mitfühlen – und aussprechen, was sie wahrnehmen. Denn das Ansprechen von Gefühlsbewegungen ist wie die Aussage eines Augenzeugen Es ist eine Bestätigung der eigenen inneren Realität und hilft, wieder zu sich selbst zu finden. Die Erfahrung, dass ein anderer Mensch weiß, wovon ich rede, gibt Orientierung.
Das Wissen darum, dass wir von Anfang an so auf-einanderzu- geschaffen sind, wirkt da als unterstützende Bestätigung. Gemeinschaft und Austausch sind in uns bis in die kleinsten Zellen hinein lebendig. So lebendig wie die Seele, die wir in diesem aufeinander bezogenen Ganzen geborgen wissen dürfen.
Seele ereignet sich, bewegt und genährt, oft auch verletzt, in der Fülle der Möglichkeiten, die im Leib gegeben sind, und doch nicht auf ihn begrenzt bleiben, weil zu diesen Möglichkeiten eben auch unsere Vorstellungskraft gehört und die Fähigkeit, darin in Beziehung zu treten mit Erfahrungen, die lange zurückliegen, und sogar mit solchen, die andere gemacht haben. Und sie schließen auch die Erfahrung von Transzendenz und Begegnung im Glauben
ein. Der „geistliche Hunger“ oder, wie es heute gängiger heißt, die Sehnsucht nach spiritueller „Nahrung“ gehört dabei ebenso zur Grundausstattung des Menschen wie die Begabung, in der Begegnung mit leibhaftigen Menschen Unterstützung und Bestätigung zu erfahren.
*Das limbische System im Gehirn ist für die Verarbeitung von Emotionen zuständig.
Eva Engler-Kniep ist evangelische Pfarrerin für Alten-, Kranken- und Hospizseelsorge in Darmstadt. Zu ihren Aufgaben gehört die Klinikseelsorge im Marienhospital, die Begleitung von Menschen am Ende ihres Lebens und in der Trauer, sowie die Ausbildung von Ehrenamtlichen in den seelsorgerlichen Handlungsfeldern. Sie hat eine kunsttherapeutische und eine körpertherapeutische Zusatzausbildung, drei erwachsene Kinder und ein Atelier.
Foto: Klaus Schulz


