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Fips, die kleine Eidechse

Es war einmal eine kleine Eidechse, die hieß Fips. Als sie aus ihrem Ei schlüpfte, waren bereits schon drei andere kleine Eidechsen da und sie freute sich, mit ihnen zu spielen, lustig zu sein, auf Bäume zu klettern und mit den anderen Eidechsen die Gegend zu erkunden.

 

Nach ein paar Jahren legte Mama-Eidechse wieder ein Ei und als das Kleine schlüpfen sollte und Fips schon ganz neugierig war, wurde Fips zu fremden Eidechsen ins Nachbartal geschickt, bis das Junge geschlüpft sei. Fips wollte nicht, aber sie hatte ja keine andere Wahl!

 

Diese Eidechsen dort waren so anders. Fips hatte große Angst und wollte nicht bei ihnen sein! Und die haben dann auch so komische Sachen mit ihr gemacht, dass Fips keine Luft mehr kriegte und Angst hatte, zu ersticken. Der Mund war so voll und es ging nicht weg! Es war so klebrig und so eklig!

 

Aber Fips ist weder erstickt, noch hat sie mit ihren noch nicht mal vier Jahren Mama- und Papa-Eidechse etwas davon erzählt, denn Mama- und Papa- Eidechse hatten jetzt so viel mit dem Eidechsenbaby zu tun und auch noch mit den anderen drei Kindern!

 

Fips wurde trotzig, bockig und weniger lustig. Die Erinnerung an das Nachbartal und die seltsamen Sachen dort verblassten mit der Zeit und wurden irgendwann ganz vergessen. Fips lernte immer besser Sachen zu vergessen, vor denen sie Angst hatte oder die doof waren und wurde immer mutiger! Sie half im Haushalt mit soviel sie konnte und mehr als sie wollte!

Im Laufe der Jahre kamen dann noch zwei kleine Eidechsen zu uns, so dass wir nun vier Jungs- und drei Mädchen- Eidechsenkinder waren.

 

Papa-Eidechse suchte verzweifelt immer wieder nach größeren Höhlen für die große Familie, weil ja auch noch Opa und Oma-Eidechse noch da waren. Er knabberte immer mehr gegorene Beeren, bekam dann glasige Augen und schaute oft so komisch Wendy an, Fips‘ große Schwester. Und als die dann zum „Lebenlernen“ in ein weit entferntes Tal abgehauen ist, hat Papa-Eidechse einfach der kleinen Fips den Schwanz ein bisschen abgebissen! Fips wusste nicht, was da los war, es war so scheußlich-schön.

 

Sie dachte, jetzt hat er mich endlich lieb und beißt mich nicht mehr in die Pfote; aber als sie dann am nächsten Tag wieder gebissen wurde – wie das nun mal in unserer Eidechsenfamilie normal war - war auch dieser Traum ausgeträumt! Fips fühlte sich schmutzig, schlecht, hatte Angst, dass Mama-Eidechse

etwas von dem abgebissenen Schwanz merken könnte und hat ab sofort fürchterlich gefroren! Sie konnte mit niemanden darüber reden und wurde immer aggressiver.

 

Es war in ihr, auf dem Felsen und in der Höhle sehr kalt geworden, sie konnte sich kaum noch bewegen und auch die Sonne konnte sie nicht mehr richtig wärmen. Sie lief von dem kalten Felsen weg, um mit der Verunstaltung – der Schwanz wollte einfach nicht wieder nachwachsen - woanders das Leben zu

lernen. Nun war sie gerade mal 15 Jahre alt und eigentlich zu klein, um alleine woanders zu leben, aber alles war besser als in der kalten Höhle zu Hause!

 

Die abgebissene Schwanzspitze muss wohl sehr deutlich sichtbar gewesen sein, denn kaum ein Jahr später hat eine anderer Eidechsen-Mann einfach noch den Rest vom Schwanz abgebissen!

 

Nun konnte sie kaum noch laufen, veränderte ihr Aussehen und lief ab sofort als Schildkröten-Eidechse durchs Leben. Der Panzer gab zwar Schutz, aber sie war fast keine Eidechse mehr und musste auch regelmäßig vergorene Beeren fressen, um den Panzer bauen und überleben zu können. So ging das viele

Jahre. Sie wünschte sich Eidechsen-Babys, fand aber kein passendes Männchen! Entweder waren das Eidechsen, die – jetzt aber in den Schutzpanzer – bissen, oder sie fanden Fips hässlich oder hatten Angst vor ihr.

 

Fips hatte inzwischen gelernt, Vater-Sonne an bestimmten Felsen zu finden und sich in der wunderbaren Wüsten-Natur wärmen zu lassen. Dort gab es auch Eidechsen, die anders lebten und gut und freundlich waren! Irgendwann wurde der Beeresaft zu Gift für Fips und sie wusste instinktiv, dass sie das

Beerenfressen lassen musste oder sie würde langsam sterben. Sie entschied sich fürs Überleben und fand dadurch noch andere Eidechsen - Männchen und Weibchen - die auch zerbissen worden waren und die der Beeresaft auch vergiftet hatte. Ohne Beeresaft ging es nun weiter. Das war am Anfang ganz schön schwierig.

 

Fips wollte ab sofort nichts mehr mit Männchen-Eidechsen zu tun haben, obwohl in ihr eine starke Sehnsucht immer mal wieder an die Oberfläche kam. Alle ihre Geschwister-Eidechsen und Freunde hatten inzwischen Pärchen gebildet fast alle hatten eine neue Eidechsenfamilien gegründet. Nur Fips blieb alleine und wurde sehr einsam. Sie hatte aber gelernt, Freude, Gesang,

Reisen, Spielen mit anderen großen und kleinen Eidechsen zu teilen und wurde bei Freunden auch gerne gesehen. Dies half ihr, am Leben zu bleiben, sie wurde aber in der Seele krank!

 

Ganz viel Traurigkeit und Schmerzen saßen in dem geschundenen Eidechsenkörper fest und die Schwere wurde - trotz regelmäßiger Reisen in die Wüste und Vater-Sonne - lebensbedrohlich.

Auch die regelmäßigen Brand- und Essensopfer halfen nichts mehr. Sie musste in eine PSEK, eine Psychosomatische Eidechsenklinik, aufgenommen werden. Hier lernte sie, dass auch eine Eidechse mit abgebissenem Schwanz (der einfach nicht nachwachsen will) leben darf. Sie lernte, auch ohne Schildkrötenpanzer zu leben. Und sie lernte Werkzeuge kennen, die es ihr ermöglichten, wieder als richtige Eidechse zu leben.

 

Fips wusste, dass dieses Lernen nur langsam voran geht. Aber Neugier, Lebensfreude und ihr Dickkopf halfen ihr, jeden Tag neu zu meistern und „nur für Heute“, mit der Wärme von Vater- Sonne und der Kraft von Mutter-Erde das neue Leben zu meistern!

Schlimm war aber nach wie vor, dass sie nicht weinen konnte und Angst hatte, der Staudamm würde irgendwann brechen und alles überfluten, wenn die Eiskristalle im Körper tauen.

 

Auf dem Weg der Suche nach dem Zugang zu den eigenen, nicht geweinten Tränen, hat sie dann „Tränchen“ kennengelernt und ist einem hilfreichen Buch begegnet. Tränchen hat sie zu einem Trauerseminar eingeladen. Da inzwischen Mama und Papa-Eidechse gestorben waren, die „Gruppe mit den Eidechsen mit den abgebissenen Schwänzen“ ihr Rückhalt gaben und sie langsam wieder Mut fürs Leben entwickelt hatte, konnten dort Tränen fließen und Fips war überrascht, dass es keine Überflutung, keine Katastrophe gab!

 

Fips hat sie sich auf ein neues, angstbesetztes Erleben eingelassen, hat immer besser gelernt, doch Vertrauen zu haben und fand liebevolle Eidechsen. Sie spürt wieder die Wärme von Vater Sonne - auch hier in Deutschland - kann die Kraft von Mutter Erde zulassen und hat das Gefühl, dass ihr Schwanz wieder nachzuwachsen beginnt. Fips fängt an zu glauben, dass sie auch eine schöne, wertvolle Eidechse ist, die vielleicht doch noch ein Männchen und einen Ort findet, an dem sie sich so richtig wohl- und zuhause fühlen kann! Jetzt ist sie zwar schon zu alt, um Eier legen zu können, aber die anderen aus der Gruppe

sagen, das sei gar nicht schlimm. Fips weiß genau: Ohne die Gruppe und wenn sie weiter die vergorenen Beeren gefressen hätte, würde sie heute nicht mehr leben. Die Seele von Fips ist heute nicht mehr wund und empfindlich verletzt, auch wenn ab und zu Fallgruben auftauchen und Fips prompt hineinfällt.

Heute weiß sie aber schon recht gut, wie sie da wieder raus kommt und es gelingt ihr immer schneller und besser, wohl auch durch die Unterstützung und den Austausch mit den anderen, gleich betroffenen Eidechsen.