TIPP
Das selbstsüchtige Gehirn und das Übergewicht
„Sie haben Übergewicht?“
„Das liegt bestimmt an meinen Genen! Und überhaupt,ich habe so viel Stress und dann greife ich gerne zur Schokolade.“
„Haben Sie schon einmal versucht abzunehmen?“
„Ja, schon öfter. Aber das hat nie lange gedauert, dann waren die Pfunde wieder da – und meist noch mehr als vor der Hungerkur.“
„Ernähren Sie sich gesund und haben Sie ausreichend Bewegung?
„Naja! Hamburger mit Pommes und Majo schmecken mir halt besser als das Grünfutter. Und für Sport habe ich keine Zeit. Ich muss zu viel arbeiten.“
Wer kennt sie nicht, die Probleme mit dem Übergewicht und die vielen „Ausreden“, die die Dicken erfinden. Doch sind es wirklich Ausreden?
Vor rund 90 Jahren erkannte die Pathologin Marie Krieger, dass das Gehirn
der größte und dominanteste Energieverbraucher des Körpers ist. Sie untersuchte junge Soldaten, die während des Ersten Weltkrieges an Unterernährung gestorben waren. Dabei stellte sie fest, dass Organe
wie Herz, Leber und Milz bis zu 40 Prozent ihres Gewichtes verloren hatten. Die Gehirne aber wogen weiterhin fast so viel wie bei normal ernährten Personen.
Obwohl das Gehirn nur etwa 2 Prozent des Körpergewichts ausmacht, beansprucht es selbst im Ruhezustand mehr als die Hälfte der mit der Nahrung aufgenommenen Energie. Unter Stress entzieht das Gehirn dem Blut sogar rund 90 Prozent des wichtigen Energieträgers, der Glucose. Dabei kann das Gehirn selbst keine Energie speichern, es ist auf die Zulieferung durch den Körper angewiesen. Aber das Gehirn steht im Informationsaustausch mit der Organen des Körpers und kann diese kontrollieren.
Das Gehirn ist äußerst selbstsüchtig. Es zieht Energie aus dem Körper – im schlimmsten Fall bis dieser daran zugrunde geht. Im Normalfall jedoch gibt das Gehirn Anweisung an den Körper, die von ihm abgezogene Energie wieder zu ersetzen.
Das Gehirn schickt also den Körper zum Kühlschrank. Wenn da nichts zu finden ist, wird der Körper zum Markt oder dem Lebensmittelhändler dirigiert, um Energie einzukaufen.
Jetzt gibt es aber auch den Fall, dass das Gehirn aufgrund einer Leistungsschwäche nicht in der Lage ist, genügend Energie aus dem Körper zu ziehen. Das Gehirn hungert also, obwohl eigentlich ein genügend großer Energievorrat im Körper vorhanden wäre, aus dem es sich bedienen könnte.
Was macht das Gehirn wenn es hungrig ist? Es schickt den Körper zum Kühlschrank. Wenn da nichts zu finden ist, wird der Körper zum Markt oder dem Lebensmittelhändler dirigiert …
„Sofortige Nahrungsaufnahme“ lautet der Befehl des Gehirns an den Körper. Dieser gehorcht auch brav und nimmt viel mehr Energie auf, als er verarbeiten kann. Der Blutzuckerwert steigt und steigt. Die Energiespeicher des Körpers in Leber und Fettgewebe werden immer größer. Es herrscht ein Stau in der Lieferkette vom Markt über den Zwischenspeicher Kühlschrank, den
weiteren Zwischenspeicher Körper, bis zum Endverbraucher, dem Gehirn. Wir nennen diesen Energiestau im Körper Adipositas – Übergewicht.
Was sind mögliche Ursachen dafür, dass das Gehirn nicht genügend Glucose aus dem Körper ziehen kann und deswegen den Befehl zum Essen gibt?
Da wären zum einen die eher seltenen „Hardwarefehler“ zu nennen, Verletzungen des Gehirns, raumgreifende Hirntumore, Gendefekte. Aber es sind auch Programmierungsfehler in der „Software“ denkbar: atypische Depressionen, besonderer Stress nach der Geburt, angelerntes Fehlverhalten im Zusammenhang mit der Nahrungsaufnahme. Schließlich können auch falsche Signale ans Gehirn gesendet werden durch Cannabis, Beruhigungsmittel, bestimmte Blutzuckersenker wie Sulfonylharnstoff, Süßstoffe oder manche Viren.
Das hier beschriebene Modell zur Erklärung von Übergewicht und Diabetes stammt von Professor Achim Peters aus Lübeck. Die Unfähigkeit des Gehirns, genügend Energie aus dem Körper zu ziehen, zusammen mit der Selbstsucht des Gehirns, unbedingt immer ausreichend Energie zu bekommen, bilden die
Basis seiner Überlegungen. Das Übergewicht wäre demzufolge nur eine Strategie, mit der der Organismus seine Energieversorgung und damit letztendlich sein Überleben sichert.
Jede Behandlung des Übergewichts könnte so als Eingriff in die Selbstregulierungskräfte des Körpers verstanden werden – je stärker der Eingriff, umso stärker der Widerstand des Körpers. Scheitern deshalb so viele Programme zur Gewichtsreduktion?
Man könnte mit Marcel Proust sagen: „Es gibt Leiden, von denen man die Menschen nicht heilen soll, weil sie der einzige Schutz gegen weit ernstere sind.“ (ks)
Übergewicht ist nichts weiter als ein Stau in der Lieferkette für Energie, die im Supermarkt beginnt, über den Herd auf den Tisch in den Bauch und bis ins selbstsüchtige Gehirn reicht. Das Gehirn fordert mehr Energie an, als es verarbeiten kann.


