TIPP
Auch die Seele atmet
„Babsy, bleib ganz ruhig. Heute Morgen um 10 Uhr ist deine Mutti gestorben“.
Es war meine Schwägerin am Telefon, mit belegter Stimme.
Es war Heiligabend.
Ich hier in Frankfurt, meine Mutti in Bremen.
Ich fühle mich wie gelähmt, bekam keine Luft mehr.
Doch alles der Reihe nach: Im Oktober vor zwei Jahren war ich euphorisch. Mit viel Enthusiasmus bereitete ich die Gründung einer weiteren Selbsthilfegruppe in Darmstadt vor für Menschen mit COPD und Lungenemphysem, das sind atembehindernde Lungenerkrankungen. Nach einem wie immer arbeitsreichen
Tag setzte ich mich an meinen Schreibtisch, telefonierte, schrieb E-Mails, vereinbarte Termine mit der Presse und mit dem Klinikum Darmstadt, wo unsere Treffen stattfinden sollten und vieles mehr.
Meine Tochter rief an und sie lud mich nach langen Jahren mal wieder zum Heiligabend nach Hause ein. Oh, ich freute mich so sehr auf diesen Tag, auf die ganze Familie, Mann, Enkelkind, Schwiegereltern. Ich fühlte mich richtig in Hochstimmung und hätte Bäume ausreißen können. Ich freute mich auf die
Weihnachtszeit. Na ja, es war kalt draußen, ein wenig fing ich an
zu kränkeln, etwas Husten halt. Mein Arzt schrieb mich für eine Woche krank. Dann kam ein Anruf vom Chef, dass ich ja noch eine Menge Urlaub hätte, alle Sondertage inbegriffen, bräuchte ich erst am 4. Januar wieder zur Arbeit zu kommen. Wunderbar, es läuft ja wirklich alles bestens für mich.
Und dann der Anruf meiner Schwägerin. Es war, als bliebe die Welt plötzlich stehen.
Drei Tage später fährt mein Neffe mich zum Trauergottesdienst nach Bremen. Als ich dort nach vielen Jahren erstmals alle meine Geschwister wieder sah, wollte mein Herz zerspringen. Ich japste nach Luft, als ich sie alle dort in der Kirche sitzen sah. Mein Husten wurde stärker.
Schon wieder zu Hause, kam ich fast nicht mehr die Treppen hoch. Telefongespräche musste ich oft abbrechen, weil ein Hustenanfall störte. Schließlich kam ich morgens kaum noch aus dem Bett, weil die Luft immer knapper wurde. Im Krankenhaus konnten mir die Ärzte zunächst helfen, doch dann hatte ich Blut im Urin – akutes Nierenversagen. Jeden 2. Tag musste ich zur Blutwäsche.
In der Klinik bekam ich viel Besuch, von den Nachbarn, von Elke, meiner Stellvertreterin in der Gruppe. Das baute mich auf. In die Reha wurde ich im Rollstuhl „eingeliefert“ – grässlich! Und natürlich immer noch die Dialyse. Erst nach fast vier Wochen begriff ich, dass ich da raus muss und ich nahm allen Mut und Kräfte zusammen und schob den Rollstuhl jeden Tag ein Stückchen weiter, bis ich wieder den Rollator nehmen konnte. Ich ging in die medizinische
Trainingstherapie und zu den Atemtherapiegruppen, wo wir auf dem Hocker sitzend unsere Übungen machten.
Anfang August – es waren also schon sieben Monate seit dem denkwürdigen Weihnachtsfest vergangen - kam ich nach Hause und dachte, das darf nicht war sein. So klein, alles so eng, so vollgestopft mit Möbel, Bücher, Bilder an der Wand, ein fast fremdes Zuhause. Es dauerte eine Zeitlang, bis ich mich wieder
daran gewöhnt hatte. Nun war ich beschäftigt! Ich musste einiges organisieren mit der Krankenkasse, Pflegekasse, Heilmittelabteilung, Termine mit dem Medizinischen Dienst und der ambulanten Krankenpflege, Abholdienst zur Dialyse, Deutsche Rentenversicherung, usw. usw. Dann endlich eine gute Nachricht „Frau Eyrich, wir haben eine gute Nachricht für sie, sie brauchen
nicht mehr an die Dialyse. Ihre Werte sind sehr gut und darum ist eine Dialyse nicht mehr notwendig“. Ich wäre dem Arzt, der mir das sagte, am liebsten um den Hals gefallen, so riesig habe ich mich gefreut. Von da an ging alles wieder bergauf und mit einem Mal konnte ich auch wieder Auto fahren, ich ging wieder
einkaufen und zum Frisör. Auch die Lungensportgruppe besuchte ich wieder regelmäßig. Erst nur eine halbe Stunde, dann immer mehr, bis ich die vollen 90 Minuten wieder mitturnen konnte. Mein Leben hat sich wieder normalisiert.
Während der schlimmen Zeit wurde ich betreut von unserer Kirchengemeinde. Unser Priester besuchte mich im Krankenhaus und zuhause. Ich ging wieder in die Gottesdienste. Sie gaben mir Kraft und Frieden für die Seele. Ich suchte in meinen Gebeten den ewigen Gott und hörte seine tröstenden Worte durch die Boten, die er mir schickte: den Priester, den Arzt, die Krankenschwester,
die Freundin oder den Nachbarn, die mir von Gott geschickt wurden und für mich da waren.

