TIPP
Gefühlte Risiken - Ein Plädoyer für mehr Gelassenheit im Umgang mit Zahlen
Als vor rund 10 Jahren die britische Presse meldete, eine neuartige Substanzgruppe von Antibabypillen erhöhe das Risiko einer Thromboembolie um 100 Prozent, reagierten viele Frauen panisch. Sie setzten die Pille ab. In den Folgemonaten kam es zu 14.000 zusätzlichen Abtreibungen.
Doch was bedeutetet die 100 prozentige Steigerung? Mit den älteren Pillen hatte 1 von 7000 Frauen eine Thrombose bekommen. Jetzt waren es 2 Frauen von 7000. Eine Verdopplung von 1 auf 2 sind 100 Prozent Zunahme des relativen Risikos.
Das absolute Risiko stieg aber lediglich von 0,014 % (1 von 7000) auf jetzt 0,028 % (2 von 7000).
Hätten die Frauen dieses absolute Risiko gekannt, wären unnötige Angst, Schwangerschaften und etwa 4-6 Millionen £ für die Abtreibungen vermieden worden.
Szenenwechsel: Wie viele Kilometer muss man im Auto zurücklegen, um das gleiche Unfallrisiko zu haben, wie bei einem Flug von Berlin nach Neapel? Antwort: Etwa 20 Kilometer (Sivak & Flanagan, 2003). Wenn Sie also mit dem Auto sicher
am Flughafen angekommen sind, haben sie den gefährlichsten Teil der Reise wahrscheinlich schon hinter sich.
Nach dem Terroranschlägen vom 11. September 2001 hatten viele amerikanische Bürger Angst vor dem Fliegen. Sie stiegen um auf das Auto. In den folgenden Monaten gab es
nachweislich 1600 Verkehrstote mehr auf den amerikanischen Straßen als das sonst im vergleichbaren Zeitraum vorher und auch später je wieder der Fall war. Das bedeutet, auf der Suche nach einer vermeintlich sichereren Reisemöglichkeit fanden diese Menschen den Tod, den sie vermeiden wollten
(Gigerenzer, 2006).
Wer die Pressemeldungen über die „neue Grippe“ (landläufig: Schweinegrippe) verfolgthat, erinnert sich vielleicht auch noch an SARS oder BSE.
Doch: Der Schaden durch BSE war insgesamt ausgesprochen gering und wurde völlig überbewertet. Wir haben in den letzten dreißig Jahren hochgerechnet etwa 180 BSETodesfälle unter den 300 Millionen Europäern gehabt. Im selben Zeitraum starben 136.000 Menschen an Salmonellenvergiftung, 12.000 an Vergiftungen durch Kolibakterien.
Etwa 140 Kleinkinder sterben jährlich dadurch, dass sie parfümiertes Lampenöl trinken. (ks)

