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Die Illusion von Gewissheit

„Ein früh erkannter Prostatakrebs ist fast immer heilbar“, lautete einmal eine Überschrift in unserem TIPP. Heute wollen wir etwas genauer hinschauen, wie solche Aussagen entstehen.

 

Als Kriterium für das Überleben nach Krebs gilt weltweit die 5-Jahres Überlebensrate. Sie errechnet sich aus der Zahl der Patienten, die 5 Jahre nach ihrer Krebsdiagnose noch leben, geteilt durch die Zahl aller Patienten mit Krebsdiagnose. Das Schlüsselwort in dieser Definition ist „Diagnose“.

 

Normalerweise wird ein Prostatakrebs im Alter von etwa 67 Jahren diagnostiziert. Der Patient erliegt nach rund 3 Jahren im Alter von 70 Jahren diesem Krebsleiden. Die 5-Jahres Überlebensrate ist also Null – er konnte nicht geheilt werden.

 

Wird nun mit Hilfe von PSA-Test und ähnlichen Früherkennungs-maßnahmen der Diagnosezeitpunkt vorverlegt und vielleicht schon bei 60jährigen Patienten festgestellt, so können diese Patienten noch rund 10 Jahre leben. Auch sie sterben im Alter von 70. Ihre 5-Jahres Überlebensrate ist aber 100 Prozent. Sie gelten als geheilt. Nur – sie haben deswegen keinen Tag länger gelebt als die Patienten ohne Früherkennung. Aber sie haben in all den Jahren Bestrahlungen, Operationen und Chemotherapie über sich ergehen lassen. Sie wurden durch diese Behandlungeninkontinent und verloren ihre sexuellen Fähigkeiten.

Wofür?

 

Konsequenz: Die 5-Jahres Überlebensraten bedeuten nicht, auch länger zu leben.

Und 5-Jahres Überlebensraten sind absolut untauglich, um die Qualität und die Wirksamkeit einer Behandlung zu beurteilen. (Quelle: Giegerenzer, 2008) Ein Ausweg aus dem Dilemma wäre, die Sterberaten durch Prostatakrebs zu zählen. Diese liegen in den USA bei 26 beziehungsweise 27 in Großbritannien pro 100.000 Männer. In Deutschland wird gerade erst ein Krebsregister an der Universität Heidelberg installiert. Vergleichbare Zahlen für Deutschland liegen deshalb noch nicht vor.

 

Obwohl der Zeitpunkt des Todes durch die Früherkennung nicht verändert wurde und obwohl kein Leben gerettet oder verlängert wurde, führt alleine die Vorverlegung des Diagnosezeitpunktes zu einer Zunahme der 5-Jahres-Überlebensrate. So führt uns die Statistik in die Irre.(ks)

Quelle: Helping Doctors and Patients Make Sense of Health Statistics;  Gigerenzer et. al. ; Association for Psychological

Science, Vol 8 Nr. 2; S. 57