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Die Früherkennung von Krankheiten - die Krankheit von Früherkennungen

 

Screening ist eine systematische Reihenuntersuchung von Menschen, beispielsweise gesunden Frauen, die bisher unerkannte Krankheiten, also auch Brustkrebsfälle finden soll. Frauen und auch Ärzte glauben naturgemäß an den Nutzen eines Screening, doch

dieser ist umstritten.

 

Sicherlich werden einige Frauen vor dem Tod an Brustkrebs bewahrt, aber der weitaus größte Teil der Screening-Teilnehmerinnen hat keinen Nutzen, sondern Nachteile, einige sogar einen Schaden von dieser Form der Früherkennung. Das behauptet Prof. Dr. Gerd Gigerenzer, Psychologe und Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin.

 

Der häufig verwendete Begriff der Vorsorge ist im Zusammenhang mit Screenings nicht richtig. Es geht um Früherkennung. Vorsorge wäre beispielsweise nicht zu rauchen sich gesund zu ernähren und Sport zu treiben. Vorsorge kann das Auftreten von Krebs verringern, Früherkennung kann dies nicht, denn sie dient nur der Entdeckung eines Krebses. Viele Menschen glauben, mit der Früherkennung würde man seltener Krebs bekommen und die Lebenserwartung deutlich erhöhen, weil ein früh erkannter Krebs fast immer geheilt werden kann.

Das erste ist falsch. Und die Lebenserwartung wird – je nach Krebsart – nicht oder minimal erhöht.

 

Wenn man an der Früherkennung teilnimmt, stirbt man dann seltener an Krebs? Reduziert sich die Sterblichkeit insgesamt, egal an welcher Ursache?

 

Ärzte und Patientenorganisationen behaupten, die Früherkennung mit der Mammographie senke die Sterblichkeit an Brustkrebs immerhin um 25-30 Prozent. Was bedeutet diese Zahl? Sie besagt, dass von je tausend 40- bis 70-jährigen Frauen, die zehn Jahre lang zum Screening gehen, eine weniger an Brustkrebs stirbt. Das klingt widersinnig, denn wie kann 1 von 1000 das gleiche sein wie 30 Prozent?

 

Der Trick ist, dass man dieselbe Information verschieden darstellen kann. Untersuchungen mit 280.000 Frauen in vier Studien zeigten: von je 1000 Frauen, die am Screening teilnahmen, starben etwa 3 an Brustkrebs innerhalb der nächsten zehn Jahre. Und von je 1000 Frauen, die nicht teilnahmen, starben 4. Von 4 nach 3, das sind 25 Prozent oder in manchen Studien auch 30 Prozent. Das ist aber im Klartext 1 von 1000, das heißt 0,1 Prozent. Und selbst ein solch minimaler Nutzen ist nicht gesichert; renommierte Wissenschaftler

vertreten heute die Auffassung, dass das Screening die Brustkrebs-Sterblichkeit überhaupt nicht reduzieren kann. Die Öffentlichkeit sollte ehrlich und verständlich darüber informiert werden, wie hoch der Nutzen der Mammographie tatsächlich einzuschätzen ist.

 

In diesem Jahr werden wieder alle Frauen zwischen 50 und 69 zum bundesweiten Mammographie-Screening eingeladen. In dem Merkblatt, das die Frauen erhalten sollen, wird ihnen über die Größe des zu erwartenden Nutzens nichts mitgeteilt! BeiFrauen dieser Altersgruppe liegt die Verringerung der Brustkrebs-Sterblichkeit wahrscheinlich etwas höher, bei etwa zwei von 1000. Umgekehrt heißt das, dass 998 Frauen keinen Nutzen erwarten können.

 

Es gibt keinen sicheren Nachweis dafür, dass Mammographie-Screening die Lebenserwartung erhöht, denn dieGesamtsterblichkeit bleibt etwa gleich. Das ist nicht untypisch für Krebs-Früherkennung. Eine Reihe von Untersuchungen zumDarm- und Prostatakrebs sind ebenfalls zum Schluss gekommen, dass Früherkennung die Gesamtsterblichkeit nicht oder kaum verbessert, selbst wenn sich die Krebssterblichkeit verringerte.

 

Woran das liegt, weiß man nicht so genau. Aber es kann daran liegen, dass die Behandlung zum Tod an einer anderen Ursache führt. Nehmen Sie an, Sie hatten eine Operation, aber diese verursachte Blutgerinnsel. Statt an Prostatakrebs sterben Sie an einer Lungenembolie.

 

Von 1000 Frauen wird durch die Früherkennung nur eine gerettet – wie kann das sein, wo doch jede neunte bis zehnte an Brustkrebs erkrankt? Wenn man Brustkrebs hat, bedeutet das nicht, dass man daran stirbt. Die meisten Frauen mit Brustkrebs sterben nicht daran. Frauen erkranken ja relativ spät an Brustkrebs, und über die ganze Lebenszeit, bis zum Alter von 85 Jahren, trifft es etwa jede zehnte Frau. Ähnlich bei Prostatakrebs. Jeder dritte oder vierte Mann über 50 hat Prostatakrebs, jeder zweite über 80. Aber das heißt nicht, dass alle diese Männer daran sterben. Die meisten – etwa 85 Prozent – sterben mit dem Krebs, nicht an dem Krebs. Wenn man jetzt jeden Mann mit Prostatakrebs operiert, dann können Sie sich vorstellen, dass damit auch sehr

viel Lebensqualität vernichtet wird. Die meisten dieser Männer hätten ohne Früherkennung den Krebs während ihres Lebens nicht bemerkt. Wir müssen lernen, Krebs nicht als Todesurteil zu sehen, sondern als etwas, mit dem viele von uns rechnen müssen, ohne dass man daran notwendigerweise stirbt. Jetzt könnte man meinen, wenn viele Frauen an der Früherkennung teilnehmen, dann werden auch viele Menschenleben gerettet! Ja, wenn eine Million Frauen regelmäßig am Screening teilnehmen, dann kann man erwarten, dass etwa 1000 Frauen weniger an.

 

Screenings machen nur dann Sinn, wenn durch eine früh einsetzende Behandlung die Sterblichkeitsrate gesenkt werden kann

 

Brustkrebs sterben. Aber etwa genau so viele dieser Frauen werden häufiger an etwas anderem sterben. Hinzu kommen die möglichen Nachteile der Mammographie. Die sind der Bevölkerung meist nicht bekannt.

 

Etwa 1 Frau von 10.000 wird durch eine Mammographie an strahlenbedingtem Brustkrebs sterben, und ein paar mehr werden erkranken. Zweitens kann die Mammographie Karzinome entdecken, die sich so langsam entwickeln, dass eine Frau während ihrer Lebenszeit davon nie etwas bemerkt hätte. In diesen Fällen führt Früherkennung zu einem Verlust der Lebensqualität durch Folgen der Behandlung. Der häufigste Schaden aber entsteht durch falsch-positive Ergebnisse und deren Konsequenzen. Jede zweite Frau muss damit rechnen, einmal oder mehrmals positiv zu testen, selbst wenn sie keinen Krebs hat. Sie hat zur Folge, dass Frauen mit Angst und Schrecken reagieren, wenn sie ein falschpositives Ergebnis mitgeteilt bekommen – und ans Sterben denken. Falls zehn Millionen Frauen am Screening teilnehmen, dann werden etwa fünf Millionen unnötig in Furcht oder gar Todesangst versetzt. Was man beim ersten Mal wissen sollte:

Von zehn Frauen, deren erstes Screening-Mammogramm positiv ist, haben wahrscheinlich neun keinen Krebs! Wenn man diese wichtigen Informationen endlich weitergeben würde, dann könnte man unnötigen Schmerz, Verzweiflung und Schrecken abwenden.

 

Auch falsch-negative Ergebnisse kommen vor. Von zehn Frauen, die Krebs haben, wird dieser bei etwa einer übersehen. Unter dieser Proble-matik, keine hundertprozentig verlässliche Vorhersage zu bekommen, leiden alle Früherkennungsuntersuchungen. Screenings machen nur dann Sinn, wenn durch eine früh einsetzende Behandlung die Sterblichkeitsrate gesenkt werden kann oder wenn die Lebensqualität des Betroffenen gesteigert wird. Behandlungen haben niemals nur einen Nutzen. Sie haben immer auch zum Teil lebensbedrohliche Nebenwirkungen. Deshalb ist es unbedingt wichtig, Nutzen und möglichen Schaden sorgfältig gegeneinander abzuwägen.

 

Es gilt, die Frauen nicht länger wie unmündige Patientinnen zu behandeln, denen man eröffnet, was sie zu tun haben, ohne sie offen über möglichen Nutzen und Schaden der Früherkennung zu informieren. Frauen sollen endlich das Recht erhalten, richtig informiert werden. Dazu gehört, dass jeder Arzt offen sagt: Der Nutzen besteht in etwa einem Todesfall auf 1.000 Frauen an Brustkrebs weniger. Der Arzt sollte auch informieren über die vielen falsch positiven Testergebnisse und deren Folgen. Er sollte über den durch Strahlen bedingten Krebs und die physischen und psychischen Folgen der Behandlung von Karzinomen sprechen und auch darüber, dass so manche Frau während ihres Lebens den Krebs nie bemerkt hätte. Der Arzt kann hinzufügen, dass

die Forschung immer noch geteilter Meinung ist, ob Screening überhaupt einen Nutzen hat. So informiert, kann sich jede Frau selbst entscheiden, ob sie

teilnehmen will oder nicht.

 

„In dieser Welt ist nichts gewiss, außer dem Tod und den Steuern“, hat Benjamin Franklin gesagt. „Wir können absolute Sicherheit nicht herstellen. Die Illusion von Sicherheit ist eine der gefährlichsten Überzeugungen. In Deutschland suchen wir weiterhin nach Sicherheiten, wo keine sind, statt zu lernen, mit Risiken vernünftig umzugehen“, lautet das Credo von Prof. Gigerenzer.(ks)

 

Informationen www.mpib-berlin.mpg.de/de/forschung/harding-center/