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Von Schuhgrößen und anderen Irrtümern

Überlebensstrategien für Vorgänger und Nachfolger in SHO  

 

Als wir uns mit dem Thema „Generationenwechsel“ beschäftigten, haben wir festgestellt, dass das meiste in dem Zusammenhang von Personen und deren Gefühlen abhängt: Die Vorgängerin fragt sich: „Passt die Nachfolgerin in meine Schuhe?“ und die Nachfolgerin ist sich sicher: “Das schaffe ich nie, die Schuhe der Vorgängerin sind mir viel zu groß!“


Wie können wir die beiden auf einen Nenner bringen? Es war wichtig, sich mit dieser Frage zu beschäftigen, denn nur dann kann die Übergabe reibungslos klappen.
So entstand ein Projekt, das vom Bundesministerium für Gesundheit finanziert und von Christine Kirchner geleitet wird. In der ersten Phase setzten sich Vertreterinnen von Gruppen auf Landes- und Bundesebene unserer Organisation zusammen und überlegten, was die Schwierigkeiten auf emotionaler Ebene beim „Stabwechsel“ sein könnten, um dann Hilfsmittel und Wege zu suchen, die Unterstützung auf der Suche nach Nachwuchs schaffen.
Während die Treffen mit den schon genannten Vertreterinnen stattfanden, trafen sich gleichzeitig auch Vertreterinnen auf Landes- bzw. Bundesebenen von Selbsthilfegruppen, die nichts mit Tumorerkrankungen zu tun haben: die Achse (Allianz Chronischer Seltener Erkrankung), die Deutsche Gesellschaft für Muskelkranke , die Deutsche Tinnitus-Liga, die Interessengemeinschaft Epidermolysis Bullosa, das mpd-Netzwerk (Selbsthilfeforum für Betroffene von chronischen myeloproliferativen Erkrankungen) und die Rheuma-Liga Baden Württemberg. Auch für sie war es wichtig und interessant, über Nachfolge zu reden, da sie die Problematik aus ihrer eigenen Arbeit kennen.
Im nächsten Jahr werden wir das, was unser „Leitfaden der Übergabe“ werden soll, in freiwilligen Gruppen testen. Dabei finden Seminare statt, in denen Selbsthilfegruppen begleitet und „Fehlerquellen“ bei der Findung von neuen Mitgliedern behoben werden können. Nach dieser Phase soll der Leitfaden fertig gestellt werden.


Lernfähig
Ein wichtiger Aspekt für unsere Arbeit war und ist, dass der Verband der Frauenselbsthilfe so angelegt ist, dass er den Wechsel von Personen innerhalb der Organisation überleben kann. Veränderungen im Umfeld irritieren den Verband nur kurzzeitig; er ist lernfähig. Das hat er schon in den letzten Jahrzehnten bewiesen.
Was sind denn die Voraussetzungen für dieses „Lernen“? Wir müssen eine Gesprächskultur schaffen, in der das Lernen möglich ist. Jeder weiß, dass Schulkinder unter Druck und nur mit Bestrafung nicht lernen können, bei Erwachsenen ist es (natürlich) genauso. Wenn die VorgängerIn und die NachfolgerIn in einer Organisation sich gegenseitig anerkennen und als gleichwertig betrachten, klappt eine Übergabe viel besser. Die (der) Andere ist nicht besser oder schlechter, er ist einfach „anders“. Das erfordert aber von den Beteiligten die Bereitschaft, über sich nachzudenken und sich auch einmal kritisch zu betrachten – aber immer unter dem Aspekt der Gleichwertigkeit.
Wie schnell machen wir uns klein und das ist keine gute Voraussetzung im Team und für unsere Arbeit. Man sollte vielmehr denken und auch leben: So wie ich bin, bin ich jetzt gut genug! Wenn wir mit den anderen beraten, nicht die Fehler „suchen“ sondern die Erfolge! (Aber wie schwer das fällt, weiß ich selber: „Jaja, das war ganz gut, ABER…“, statt: „Das haben wir (habe ich) gut hinbekommen, was gehen wir (gehe ich) jetzt an?“). Für ein Gefühl der Gleichwertigkeit ist es wichtig, dass die Balance zwischen Geben und Nehmen zwischen VorgängerIn und NachfolgerIn ausgeglichen ist, und dass dieses von beiden bemerkt und honoriert wird.


Checkliste und Fahrplan
Eine „Checkliste“ für eine Übergabe könnte so aussehen: Die Vorgängerin bekommt eine Hilfestellung in Tabellenform, damit die Nachfolgerin nicht plötzlich mit vielen Kisten da steht und nicht weiß, wo sie anfangen soll und sich einen Überblick über die vielen Adressen, die Termine, die Personen, die beachtet werden müssen, verschaffen kann. Wenn die Vorgängerin beispielsweise alles schriftlich in dieser Checkliste festhält, was sie in Ihrem Kopf über die Jahre fleißig abgespeichert hat, hat es die Nachfolgerin leichter. Der Wissens-Himalaja wird überschaubarer und die Daten können abgerufen werden, wenn sie gebraucht werden.
Neben dieser Checkliste der Übergabe haben wir einen Fahrplan der Übergabe erstellt. Wann ist welcher Schritt sinnvoll und wichtig? Während die Checkliste auch in Ausnahmesituationen gut greift, gilt dieser Fahrplan für den Idealzustand.

Die Gruppenleiterin weiß, wann Wahlen sind, sucht zusammen mit dem Team die Nachfolgerin (nen), arbeitet sie ein und erhält so einen reibungslosen Übergang in der Leitung. Wenn sie und das neue Team dazu bereit sind, kann die Vorgängerin auch nach ihrem Abtreten mit bestimmten Aufgaben betreut werden. Auch hierfür haben wir eine Checkliste erarbeitet, da im Trubel der Übergabe nicht an alles gedacht werden kann.
Beim „Abnabeln“ selber kann ihr die FSH als Organisation leider nicht mehr helfen, aber die VG kann sich sicher sein, dass ihre Arbeit gewürdigt wird, auch wenn es nicht immer ausgesprochen wird. Vielleicht wird es in Zukunft einmal „Ehemaligengruppen“ geben, in denen sich die Vorgängerinnen austauschen können.


Hilfreiche Regeln
Zum Schluss haben wir uns noch einmal die Sichtweisen der Vorgängerinnen und Nachfolgerinnen angeschaut. Unter der Überschrift „Warum versteht sie mich denn nicht?“ werden die wichtigen Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten aufgeführt, wie die Beiden den Führungswechsel erleben. Damit nicht erst Konflikte entstehen, gibt es klare Regeln, an die wir uns im täglichen Umgang miteinander halten können. Und diese Regeln gelten nicht nur in den Gesprächen zwischen Vorgängerin und Nachfolgerin auch für andere Mitglieder der Organisationen:

Konfliktprävention z.B. durch:

 

  • Zuhören, zuhören, zuhören
  • Nachfragen
  • Klare Ziele, klare Regeln, klare Aufgabenverteilung
  • Regelmäßige Aufforderung zur offenen Meinungsäußerung
  • Zeitnahes Ansprechen von Unstimmigkeiten
  • Regelmäßige Rückmeldung
  • Sich genauso ernst nehmen wie die andere
  • Die eigenen Grenzen kennen und wahren

 

Aber manchmal merke ich, dass wir nicht weiter kommen, ohne den Grund zu wissen.
Da hilft dann „das Gespräch über das Gespräch“: Warum läuft das Gespräch gerade so schwierig? Worum geht es uns eigentlich? Ich habe den Eindruck, dass es gerade um etwas anderes geht. Ich kann mir unsere Aufregung nicht erklären – wie siehst Du das? Geht die Gesprächspartnerin auf die Fragestellung ein, können wir gemeinsam überlegen, was wirklich das Problem ist.
Wir hoffen, dass sich herausstellt, dass es unsere Gruppenleitungsteams nach der Einführung unserer Unterlagen, verbunden mit Schulungen, leichter haben werden, Nachfolger zu finden und ihre Gruppe dadurch zu erhalten.

 

Heidemarie Haase, Landesvorsitzende Frauenselbsthilfe nach Krebs, Landesverband Hessen e.V.